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| 19:54 Uhr

Bürgermeisterin Herntier beim Frühstück des Unternehmerverbandes
Im Revier läuft die Zeit

 Reinhard Schulze, der 1. Vizepräsident des Unternehmerverbandes Brandenburg (l.), hat mit Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier,  Norman Müller von der Wirtschaftsregion Lausitz und Katrin Erb (r.), die die BTU Cottbus-Senftenberg vertrat, über die Zukunft der Lausitz diskutiert.
Reinhard Schulze, der 1. Vizepräsident des Unternehmerverbandes Brandenburg (l.), hat mit Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier, Norman Müller von der Wirtschaftsregion Lausitz und Katrin Erb (r.), die die BTU Cottbus-Senftenberg vertrat, über die Zukunft der Lausitz diskutiert. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg . Struktur und Tempo: Unternehmerverband diskutiert in Spremberg über Zukunft der Lausitz. Von Annett Igel-Allzeit

Im Jahr 2014 hat sich Spremberg erstmals zum Strukturwandel positioniert. Da war Christine Herntier (parteilos) gerade als neue Bürgermeisterin gewählt. Der Strukturwandel lässt sie, die aus der Wirtschaft kommt, nicht wieder los. Das bringt Erfahrungen, Kontakte, einen Platz an der Quelle. Sie wird Mitglied der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“. Sie streitet für die Lausitzer Kommunen und muss in ihrer Stadt Kritik einstecken, dass sie nicht bei allen Festen erscheinen kann. Sie verweist auf ihr starkes Team im Rathaus. „Seit meiner Ausbildung, seit meinem Studium habe ich mir nicht mehr so viel Fachwissen angeeignet, wie in den vergangenen Monaten“, sagt sie.

Um 5 Uhr morgens war der Abschlussbericht der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ am 26. Januar in die Öffentlichkeit gegangen. An die Uhrzeit erinnert sich Christine Herntier am Donnerstag zum Forum „Die Zukunft der Lausitz“, zu dem der Unternehmerverband Berlin-Brandenburg (UVBB) ins Hotel „Stadt Spremberg“ eingeladen hatte, genau. Im September, so schätzt Reinhard Schulze, 1. Vizepräsident des UVBB, sei mit der gesetzlichen Grundlage zu rechnen. Es geht um den richtigen Einsatz von 40 Milliarden Euro. Für vier Reviere und sechs betroffene Bundesländer. Die Zeit läuft längst. Der Kohleausstieg 2038 steht fest. „Aber“, so fragt Sprembergs Bürgermeisterin, „ist die Zukunft der Lausitz auch schon beschlossen? Was steht im Vordergrund? Was wird wie umgesetzt?“ Die betroffenen Regionen, die Unternehmen brauchen Partner, mit denen sie Geschäfte machen können, so Herntier, und nicht „mehr Radwege, die am Ende den Kommunen auf die Füße fallen“. Nein, sie wolle nicht müde werden, den Abschlussbericht durchzusetzen. Die Zivilgesellschaft müsse einbezogen werden, Strukturentwicklungsgesellschaften seien in den betroffenen Revieren zu bilden.

Auf die Strukturentwicklungsgesellschaften als Anlaufstellen wartet die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), sagt Katrin Erb. „Dann können wir denen endlich sagen, was wir wollen.“ Die Leiterin der Abteilung für Wissens- und Technologietransfer der BTU versichert, dass längst Mitarbeiter betrachten, woran die Professoren und Dozenten mit ihren Studierenden arbeiten. Dass die BTU als wichtiger Partner in der Strukturentwicklung genannt wird, sei gut angekommen. Gemeinsam mit der Stadt Spremberg sei es gelungen, schnell eine Präsenzstelle nicht nur der BTU, sondern der gesamten Brandenburger Hochschullandschaft in der Langen Straße zu eröffnen. Damit sie optimal läuft, fehle noch eine zweite Fachkraft.

Viele Unternehmen aus dem Lausitzer Revier arbeiten bereits mit der Uni zusammen. Thomas Wagner, Leiter des Werks der Deutschen Gipswerke KG  in Schwarze Pumpe, muss sich Gedanken machen, wie er nach dem Aus fürs Kohlekraftwerk an Rohstoffe kommt. „Wir greifen vermehrt auf Naturgips zurück. Auch Gips aus der Abfallwirtschaft aufzuarbeiten, wäre eine Möglichkeit“, so Wagner. Hinzu komme die Transportproblematik. Wenn Gips aus fernen Regionen geholt werden muss, ist der KV-Terminal im Industriepark – KV steht für kombinierten Verkehr mit der Schiene – auch fürs Gipswerk interessant. Der KV-Terminal in Schwarzheide ist ein Modellprojekt. Aber auch für den KV-Terminal in Schwarze Pumpe könnte der Bau innerhalb der nächsten vier Jahre starten, so Jens Krause von der Industrie- und Handelskammer Cottbus im Februar. Russland, ehemaligen Sowjetstaaten und China wären große Verkehrsknoten in diesem Schienennetz.

Vor jeglichen Zeitverlust warnt Norman Müller von der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH. „In der Wissenschaftsanbindung der Wirtschaft muss in den neuen Bundesländern noch sehr viel passieren“, so Müller. In Brandenburg finanziere die Hochschullandschaft zu 70 Prozent das Land, 30 Prozent kommen durch Leistungen für die Wirtschaft. „In den alten Bundesländern ist das ganz anders“, weiß Müller. Und was die Wirtschaftsförderung betreffe, sei Schwarze Pumpe eine positive Ausnahme, „sonst sind an den Industriestandorten noch viele Hausaufgaben zu erledigen“.

Nicht viel Hoffnung in die Politik setzt Dieter Rosnau. Er hat ein Vermessungsbüro in Spremberg: „Blühende Landschaften wurden uns versprochen. Was hervorragend blüht, ist die Ambrosia.“ 16 000 gut bezahlte Jobs in der Lausitz stehen auf dem Spiel – in der Kohle und in Unternehmen, die an der Kohle hängen. Er glaube nicht, dass das aufgefangen werden kann. „Und kommt das Teilfeld 2 in Welzow-Süd nicht, trifft uns der Ausstieg noch viel früher“, befürchtet er.

 Auch Gerhard Hänel vom Wirtschaftsförderunternehmen ASG Spremberg hat Bedenken: „Wir trauen uns nicht mehr, die Wahrheit zu sagen.“ Er hofft auf die Kraft des Berichts: „Er ist ein Rahmen für die Bundesregierung, sich daran zu halten.“ Verhindern könnten das „verstaubte Strukturen“.

Auch Bürgermeisterin Christine Herntier hofft auf das richtige Werkzeug, die richtigen Hebel, mit der die „verrosteten“ Schrauben und Muttern in Bewegung gebracht werden müssen.

 Reinhard Schulze, der 1. Vizepräsident des Unternehmerverbandes Brandenburg (l.), hat mit Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier,  Norman Müller von der Wirtschaftsregion Lausitz und Katrin Erb (r.), die die BTU Cottbus-Senftenberg vertrat, über die Zukunft der Lausitz diskutiert.
Reinhard Schulze, der 1. Vizepräsident des Unternehmerverbandes Brandenburg (l.), hat mit Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier, Norman Müller von der Wirtschaftsregion Lausitz und Katrin Erb (r.), die die BTU Cottbus-Senftenberg vertrat, über die Zukunft der Lausitz diskutiert. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit