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Wie aus der Geldentwertung eine Sammelleidenschaft wurde

„Spare in der Zeit, so hast du in der Not“ , diesen Spruch kennen viele ältere Spremberger noch aus Zeiten, in denen das Notgeld im Umlauf war. Zahlreiche Spremberger und auch Besucher aus der Ferne bleiben dieser Tage vor den Schaufenstern der Spremberger Volksbank stehen. Grund hierfür sind mehrere Schautafeln des Spremberger Kulturbundes anlässlich des 60-jährigen Bestehens. Direkt vorm Heimatfest am 10. August wird im Foyer der Städtischen Werke Spremberg eine weitere Ausstellung des Kulturbundes mit echten Notgeldscheinen eröffnet. Von André Kurtas

„Zu sehen sind im Schaufenster der Volksbank derzeit Informationstafeln mit Spremberger Notgeldscheinen, insbesondere so genanntes Kriegsgeld aus dem Jahre 1917, Notmünzen von 1920 und 1921 sowie Inflationsgeld von 1923“ , erklärt Ralf-Peter Tiegs von den Münzfreunden des Kulturbundes, die diese Ausstellung initiiert haben. Mit altem Geld und Münzen Geschichte erzählen und erinnern, das wollen die Münzfreunde. Gleichzeitig haben sie ein Preisrätsel versteckt, bei dem, neben Münzen ein Sparbuch der Volksbank und weiterer Sachpreise locken, erklärt Münzfachmann Tiegs. Die Preisvergabe soll übrigens am Heimatfest-Sonntag um 16 Uhr auf dem Hof des Niederlausitzer Heidemuseums erfolgen.
Was Notgeld überhaupt ist? „Wie der Name schon sagt - es ist aus der Not geboren“ , so Tiegs. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges seien die Reichsgoldmarkmünzen eingezogen worden, bald folgten die größeren Silbernominale zu 1, 2, 3 und 5 Mark. Mit Ausgabe der kleineren Stückelungen der Darlehenskassenscheine hatten diese nach und nach das Silbergeld ersetzt, und auch das kriegswichtige Kupfer- und Nickelkleingeld sei stillschweigend eingezogen worden. Die steigende Geldentwertung habe auch in Spremberg das Verschwinden der Münzen im Zahlungsverkehr beschleunigt. Geldersatzmittel mussten geschaffen werden.

Eigentlich ein Hoheitsrecht
„Die ersten Ausgaben von Notgeld wurden im Kriegsjahr 1914 bekannt. Normalerweise gehörte das Münzrecht zum staatlichen Hoheitsrecht. Das heißt, der Staat sorgt für seine Bürger für mehr oder minder geordnete Zahlungsverhältnisse“ , weiß Tiegs. Auch in anderen Perioden der Geschichte sei es zu Notgeldausgaben infolge von Zahlungsmittelknappheit gekommen. Der Staat habe die Notgeldausgaben zwangsläufig dulden müssen, denn er konnte die Zahlungsmittelknappheit nicht befriedigend beseitigen.
1914/1915 wurden etwa 451 Ausgabestellen von örtlichem Notgeld bekannt. Es kam in dieser Periode zu etwa 1630 Ausgabenominalen in bis heute nicht mehr genau feststellbarer Auflagenhöhe. Diese Ausgaben wurden aber bald wieder eingezogen, da der Staat die Knappheit mit vermehrter Ausgabe von Darlehenskassenscheinen kompensieren musste. Es folgten noch verschiedene Notgeldepochen, je nachdem welche Münzen hauptsächlich fehlten. Pfennignominale wurden örtlich durch Notgeld ersetzt. So sind zum Beispiel 2,5-Pfennig-Scheine erklärbar.
Zaghaft seien bereits während des Ersten Weltkrieges auch in Spremberg schon Notgeldscheine gesammelt worden. Die Scheine der späteren Notgeldperioden um 1918/1920 wurden nicht so primitiv ausgeführt wie die Ausgaben von 1914/15. Ab 1918 wurde mehr Sorgfalt auf die Gestaltung der Notgeldscheine gelegt - zur Freude der Sammler. Und die Ausgabestellen erkannten bald, dass schön gestaltete Scheine in Sammlerhand blieben und nicht eingelöst wurden. Die Differenz vom Nominal zu den Druckkosten waren der Gewinn für die Ausgabestellen.

Erste Ausstellung in Nürnberg
Ab 1920 sei die Ausgabe von Notgeldscheinen zu einem richtigen Geschäft geworden. Es wurden große Mengen Serienscheine verausgabt, welche sich in großer Stückzahl bis heute erhalten haben. Das Sammeln von Notgeld kam so in Mode, dass es erste Sammelclubs gab - in einer Zeit, die auch mit Vereinen reich gesegnet war. Die ersten Notgeldausstellungen muss es Anfang 1921 schon gegeben haben - beispielsweise in Nürnberg, belegen Quellen. 1920/21 versendeten die Ausgabestellen zunehmend Seriennotgeldscheine an Sammler. Die Nominale wurden wegen des Geschäftes erhöht, Serien mit gleichen Bildmotiven verausgabt. So ist zum Beispiel die Ausgabe von 75-Pfennig-Scheinen erklärbar, obwohl im Zahlungsverkehr für dieses Nominal kein Bedarf bestand. Die Serienscheine koppelten sich quasi vom Bedarfsnotgeld ab. Es kam zum regelrechten Wildwuchs, der Staat duldete diese Ausgaben mehr oder minder und versuchte, Missbr&aum l;uchen zu begegnen. Ausdrückliche staatliche Genehmigungen wurden abgelehnt.
Mit der Hyperinflation 1922/23 seien dann die kleinen Notgeldnominale mangels Kaufkraft verschwunden. Während der Zeit um 1920 zählte man etwa 2967 öffentliche und private Ausgabestellen mit etlichen tausend Notgeldscheinarten. Die Notgeldscheine aus der Zeit des Ersten Weltkrieges sowie die bunten Serienscheine sind heute noch recht häufig zu finden. Es bleibe ein preiswertes Sammelgebiet, da noch genügend Nachschub in Privat- und Sammlerhand vorhanden sei, bestätigt Tiegs.
Zu sehen sind die Tafeln zum Notgeld in der Spremberger Volksbank noch bis Ende August. Zudem wird am Donnerstag, 10. August, um 18 Uhr zur Vernissage der Ausstellung mit echtem Notgeld ins Foyer der Städtischen Werke eingeladen. Hier sind auch alle willkommen, die beispielsweise im alten geerbten Krimi von Tante Martha Lesezeichen fanden, die an Geldscheine erinnern. Am Donnerstagabend können die Experten dazu befragen wollten.