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| 18:17 Uhr

Rückblick in Proschim
Westfilm mit arbeitenden Ost-Frauen

Die damalige TV-Journalistin und heutige Publizistin Luc Jochimsen spricht offen über die Hintergründe ihres Films aus dem Jahr 1981, der zuvor im Proschimer Kulturhaus 37 Jahre später nochmals gezeigt wurde.
Die damalige TV-Journalistin und heutige Publizistin Luc Jochimsen spricht offen über die Hintergründe ihres Films aus dem Jahr 1981, der zuvor im Proschimer Kulturhaus 37 Jahre später nochmals gezeigt wurde. FOTO: Anja Guhlan
Proschim. Eine 37 Jahre alte Dokumentation bewegt die rund 50 Gäste in Proschim. Die Macher des Films erzählen über Hintergründe, für Zuschauer war es ein Blick zurück. Von Anja Guhlan

Elmi Erfurt, das Backwarenkombinat: Wie jeden Tag stehen die Frauen am Fließband. An diesem Tag aber ruft sie ihr Betriebsleiter zusammen, lobt sie und wünscht sich von ihnen hoch offiziell, „dass Sie auch weiter Ihre Arbeitskraft so vorbildlich wie bisher unserem Betrieb zur Verfügung stellen“. Als Ansporn drückt er jeder der Frauen einen Warengutschein in die Hand.

Es ist der 8. März 1981, Frauentag, und die Szene wurde von zwei Westjournalisten aufgenommen – von Luc Jochimsen und dem Kameramann Lucas Maria Böhmer. 37 Jahre später schauen sich diese Dokumentation mit dem Titel „8. März – wie die DDR ihre berufstätigen Frauen ehrt“ im Rahmen der Brandenburgischen Frauenwoche rund 50 Zuschauer im Kulturhaus Proschim an. Viele ältere Frauen sind der Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefolgt, aber auch Männer und Jüngere. Gespannt verfolgen sie den rund 45-minütigen Beitrag, der 1981 zur besten Sendezeit im ARD-Programm Panorama ausgestrahlt wurde.

Die Doku zeigt die Situation berufstätiger Frauen im damaligen DDR-Bezirk Erfurt und gewährt der Film authentische Einblicke in das Leben einer verheirateten Arbeiterin, einer geschiedenen Frau, einer Ärztin und einer LPG-Bäuerin. Alle Protagonisten sehen es als Selbstverständlichkeiten an, zu arbeiten, sich gleichwertig zu fühlen und schließlich Kinder, Arbeit und sogar Weiterbildungen unter einen Hut zu bekommen.

Die Fernsehjournalistin und Soziologin Luc Jochimsen erzählt im Anschluss in einer Podiumsdiskussion, wie es zum Beitrag kam: „Ich beschäftigte mich schon länger mit berufstätigen Frauen. Die Verhältnisse in der damaligen BRD, in der weniger Frauen berufstätig waren, sah ich äußerst kritisch, weil es nicht voran ging. Da wollte ich wissen, wie geht das in der damaligen DDR. Für mich war das eine interessante Welt, die viel Gutes enthielt.“

Sie bekam mit ihrem Kameramann Lucas Maria Böhmer im Jahr 1981 die Genehmigung zum Dreh, die sie bereits 1979 beantragt hatte. Das in dieser Welt ihr die Gesprächspartner zugewiesen wurden, nahm sie in Kauf und macht es auch im Beitrag deutlich. Später unterstellten ihr Historiker Blauäugigkeit und einen arrangierten Propaganda-Film, der die heile Welt der DDR präsentiere. Doch dabei fühlt sich Luc Jochimsen selbst in ihrer Berufsehre tief getroffen. Nichts war arrangiert, die Protagonisten sprachen über die Wirklichkeit.

Bei Marianne Kapelle von den Proschimer Landfrauen kommen nach dem Film viele Erinnerungen auf. Sie sitzt mit im Podium und erzählt: „Der Film stellt dar, wie es in der DDR war.“ Petra Rösch von den Proschimer Landfrauen meint nach dem Film: „Wir wollen die DDR nicht zurück, aber nicht alles war verkehrt.“ Auch einige Zuschauer meldeten sich zu Wort. So bedankte sich zunächst eine Frau aus dem Publikum bei Luc Jochimsen für den gemachten Film, den sie sogar als „Schatz“ bezeichnet, und meint dann: „Es ist falsch, den Osten aber auch den Westen pauschal zu verurteilen. Beide weisen Revolutionäres auf. Man sollte stets das Gute in das Gesamtkonzept einfließen lassen.“ Petra Franz aus Neupetershain aus dem Publikum merkt an: „Der Beitrag ist realistisch. Ich habe selbst viel und gerne gearbeitet. Doch Arbeit in der DDR war auch Pflicht. Zudem war der Lohn niedrig, sodass man die Arbeit brauchte.“ Günter Seifert aus Welzow lobt die Macher des Films und auch dass dieser so ausgestrahlt wurde. Auch Luc Jochimsen ist ihrem Sender, dem Hessischen Rundfunk, dankbar. Der 28-jährigen Sandra Soult gefällt der Film, nicht nur weil er Einblicke in den DDR-Alltag gibt, sondern auch bestätigt, wie fortschrittlicher manches war.

Am Ende steht Luc Jochimsen immer noch zu der Hauptaussage des Films, dass jede Gesellschaft Arbeitskräfte braucht. Dazu zählen auch kreative und fleißige Frauen.