ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:28 Uhr

Bürgermeisterinterview
„Angst ist ein schlechter Berater“

 „Neue Landschaft Welzow“ - für diese spannende Aufgabe ist Birgit Zuchold ihren Wählern besonders dankbar.
„Neue Landschaft Welzow“ - für diese spannende Aufgabe ist Birgit Zuchold ihren Wählern besonders dankbar. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Das Jahr 2018 hat in Welzow mit einer Brandserie begonnen. Die Täter – zwei junge Welzower – sind inzwischen verurteilt. Und Bürgermeisterin Birgit Zuchold (52) hat nicht nur Hoffnung für die brandgeschädigte Rathsburg. Von Annett Igel-Allzeit

Viele Welzower hatten Anfang des Jahres Angst, in der nächsten Nacht selbst von einem Brand betroffen zu sein. Wie tief sitzt der Schock noch?

Birgit Zuchold Das war schon sehr prägend. Mit großen Zielen und Vorhaben wollten wir ins neue Jahr starten, und dann versucht uns jemand mit Vorsatz zu schaden. Statt uns in der Verwaltung ins Tagesgeschäft zu vertiefen, wurden wir nachts aus dem Schlaf geholt und saßen plötzlich in Krisensitzungen. Wir haben uns mit den Ängsten und Nöten der Bürger beschäftigt, Gegenstrategien waren gefordert.

Enttäuscht haben aber 2018 neben den Brandstiftern auch Investoren?

Birgit Zuchold Nicht nur der Baustart fürs neue Arzt- und Pflegehaus wurde durch den Investor verschoben, sondern auch der Investor, der unser ehemaliges Feuerwehrgerätehaus für Händler entwickeln wollte, vertröstet uns immer wieder. Der Marktplatz ist als neue grüne Mitte in diesem Jahr komplett saniert worden. Ich möchte nicht, das erneut eine Lücke in dieser Quartiersentwicklung entsteht.

Das Arzt- und Pflegehaus wird kommen, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber bei der geplanten Sanierung unseres alten Feuerwehrgebäudes im Bauhausstil kommen mir erhebliche Zweifel. Und dass wir ein Vergabeverfahren aufheben mussten, das hatten wir wohl in Welzow auch noch nie. Aber weil es nur einen Anbieter gab und der zu viel Geld von uns wollte, mussten wir den Ausbau der Rosa-Luxemburg-Straße noch einmal verschieben. Die Bürger haben wir informiert, und jetzt haben wir viel bessere Voraussetzungen. Verschieben ist für die Stadt besser, als 25 Prozent mehr zahlen zu müssen – ich bin mir sicher, das verstehen die Bürger.

Was hat Welzow noch vor?

Birgit Zuchold Wir planen Investitionen von rund 800 000 Euro. Eine halbe Millionen Euro davon werden wir in eine neue Drehleiter stecken. Wir wollen die Planung für den Ausbau der Thälmannstraße in Auftrag geben. Die alte Kohlebahnbrücke in Karlsfeld wird zurückgebaut. Die Gesamtkosten über 200 000 Euro werden zu 75 Prozent aus dem LEADER-Topf gefördert. Der Radweg nach Bluno führt dann direkt über die L 522. Mit einer Rampe wird das Niveau angepasst. Der Heimatverein Proschim will die Kohlebahnbrücke als Bergbauerinnerung und historisches Bauwerk erhalten und pflegen. Sie soll neben dem jetzigen Bauwerk aufgestellt werden. Das finde ich schon sehr bemerkenswert. Und wenn wir wirklich ganz sportlich sind, dürften wir zum Jahresende auch die Entwurfsplanung für die Sanierung der Grundschule auf dem Tisch haben.

Welzow steckt mitten in der Lausitz, deren Struktur sich wandeln soll. Sie selbst forderten vor einem Jahr eine EU-Sonderwirtschaftszone für die Region und eine klare Position dazu von Kanzlerin Angela Merkel, weil die kleinen Kommunen damit völlig überfordert sind. Weniger Arbeit haben Sie mit der Zukunft aber immer noch nicht, oder?

Birgit Zuchold Die Lausitzrunde zu gründen, war genau der richtige Schritt, um die Bundesregierung auf die Lausitz zu fokussieren. Natürlich kostet diese Arbeit Zeit neben der eigentlichen Verwaltungsarbeit. Die Erwartungshaltung ist groß. Die Menschen wollen wissen, mit welchen konkreten Projekten wir die Strukturentwicklung anschieben. Jahrelanges Warten oder Grundsatzdiskussionen wie zum Bahnstreckenausbau sind da kaum hilfreich. Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter im Rathaus. Wir haben eine sehr gute Arbeit geleistet. Auch wenn wir nicht alle Vorhaben in Welzow umsetzen konnten, in der Verwaltung haben wir 2018 alle Ziele erreicht.

Womit wir in der „Neuen Landschaft Welzow“ angekommen sind. Warum gestatten Sie sich noch nicht, vor Begeisterung zu platzen?

Birgit Zuchold Vielleicht weil noch nicht genug Welzower mitziehen? Das ist doch so eine Chance für uns! Ein Unternehmer, der sich neu in unserem Gewerbepark ansiedeln will, kann direkt Flächen für den Anbau von Rohstoffen nutzen. Anfang des neuen Jahres werde ich mit unserem Bergbaukoordinator Michael Pohl in Sachsen vorstellen, was wir in Welzow entwickeln. Wir treffen zunehmend auf Unternehmer, auf Wissenschaftler, die unser Potential samt Verkehrslandeplatz, Seenland und neuer Landschaft erkennen. Wenn man sich das Strategiekonzept zur Idee „Land-Innovation-Lausitz“ anschaut, könnten wir nicht nur bundesweit, sondern weltweit etwas ganz Besonderes sein. Wenn wir das auch noch mit der Rettung unserer Rathsburg verbinden können, wäre das optimal. Auf der Internetseite unserer Stadt haben wir gerade unter dem Stichwort „Neuland“ begonnen, über die „Neue Landschaft Welzow“ zu berichten. Die Bürger sollen hier ihre Ideen einbringen, wir wollen von der Schüttung berichten – das lässt sich vielleicht sogar mit einer Webcam verbinden. Und Leute aus der Ferne können sehen, was hier passiert und kommen, um sich das aus der Nähe anzuschauen.

Näher rücken die Kommunalwahlen 2019. Haben Sie auch Angst, dass bald die AfD mit im Stadtparlament sitzen könnte?

Birgit Zuchold Angst ist ein schlechter Berater. Und den Populismus durchschauen die Bürger. Ich erwarte von jetzigen und künftigen Abgeordneten, dass sie sich an ihre gute Kinderstube erinnern. Für mich sind Achtung, Respekt und Anerkennung Werte, die uns ein Stück weit abhanden gekommen sind. Ein Stadtverordneter ist ein von den Bürgern gewählter Vertreter. Daher sollte es für ihn auch Pflicht und Ehre sein, die Meinung der Bürger zu vertreten, öffentliche Termine wahrzunehmen und die Arbeit der Verwaltung zu achten. Natürlich soll ein Abgeordneter auch Kritik äußern.  Kritik ist gut und richtig, wenn sie sachgerecht geäußert wird. Insofern gibt es bei uns in Welzow und in vielen anderen Städten Änderungsbedarf im Umgang miteinander.