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| 17:25 Uhr

Spremberg
Freud und Leid am Tagebau

Am 10. Oktober 2010 wurde das Besucherzentrum „Excursio“ im Welzower Bahnhof eröffnet. Archivfoto: T. Richter/trt1
Am 10. Oktober 2010 wurde das Besucherzentrum „Excursio“ im Welzower Bahnhof eröffnet. Archivfoto: T. Richter/trt1 FOTO: Torsten Richter
Welzow. Welzow bekommt 50 000 Euro vom Bergbaubetreiber für Touristinformation im Excursio. Von Annett Igel-Allzeit

Mit 50 000 Euro will die Lausitz Energie Bergbau AG (LE-B) im Jahr 2018 die Touristinformation der Stadt Welzow im Excursio-Besucherzentrum sichern. Die Kompensationsvereinbarung dazu hatten die Stadtverordneten auf der Tagesordnung. Nur eine Formalie? Nein. Günter Jurischka (CDU) bezeichnet den Vorgang als „Geldwäsche“, warnt vor der Umsatzsteuer und stimmt gegen die Vereinbarung. Bernd Teclaw, ebenfalls Mitglied der Fraktion CDU/Grüne Zukunft Welzow, stößt sich an der Formulierung: „LE-B möchte mit den freiwilligen Leistungen tagebaubedingte Nachteile ausgleichen und so bei der Bevölkerung die Akzeptanz für den Tagebau erhöhen.“ Er erlebe täglich die Auswirkungen des Tagebaus und merke nicht, dass das Excursio ihm die Nachteile ausgleiche.

Zum ersten Mal steht das Proschimer „Osterglocken-X“ an der Ortsdurchfahrt in voller Blüte. Ende Oktober hatten rund 100 Kohlegegner die entsprechenden Zwiebeln gesteckt, ebenso mehrere Obstbäume gepflanzt. Damit wurde ein Zeichen gegen die Abbaggerung des Ortes gesetzt. Foto: T. Richter-Zippack
Zum ersten Mal steht das Proschimer „Osterglocken-X“ an der Ortsdurchfahrt in voller Blüte. Ende Oktober hatten rund 100 Kohlegegner die entsprechenden Zwiebeln gesteckt, ebenso mehrere Obstbäume gepflanzt. Damit wurde ein Zeichen gegen die Abbaggerung des Ortes gesetzt. Foto: T. Richter-Zippack FOTO: Torsten Richter-Zippack / LR

  2010 war das Besucherzentrum eröffnet worden. Welzows Bergbautourismus-Verein (BTV) mit dem damaligen Projektmanager Karsten Feucht hatte 2007 das „Zentrum für Tourismus und Kultur am aktiven Tagebau“ ins Rollen gebracht. Welzows Bahnhof, an dem lange kein Zug mehr abgefahren war, wurde mit rund zwei Millionen Euro dafür hergerichtet. Ein großer  Teil der Summe  kam vom Bergbaubetreiber – damals noch Vattenfall – und aus Fördertöpfen.

Zum Betreiben der Touristinformation im Besucherzentrum werden im Jahr 45 000 Euro an Personalkosten benötigt. 1900 Euro kosten Werbung, Aktualisierung der Karten und Veranstaltungshinweise, Zertifizierungen. Dazu kommen 3100 Euro Sachkosten. 2017 wurden in der Touristinfo 40 000 Besucher betreut und beraten. Viele Jahre hat der Bergbautourismus-Verein die Finanzierung mit dem Bergbaubetreiber geregelt. „Das schaffen wir nicht mehr, deshalb hilft die Stadt“, so BTV-Geschäftsführer Siegfried Laumen. Und die Stadt schließt über den einmaligen Betrag die Vereinbarung mit der LE-B ab.

Dass der Tagebau Welzowern und Proschimern Leid bringt, darüber sind sich die Stadtverordneten einig. Es muss weiter auf die Entscheidung zum Teilfeld II des Tagebaus Welzow-Süd gewartet werden. Die Ergebnisse aus dem Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe zu einer großen Staubbelastung vor wenigen Wochen sind noch nicht da. Aber für viele Familien bedeutet der Bergbau Lohn und Brot. „Also nehmen wir Schmutz und Staub hin. Und die Abgeordneten vor uns haben entschieden, dass wir den Tagebau vermarkten“, sagt Bürgermeisterin Birgit Zuchold (SPD).

Regelmäßig kommen Gruppen in die Touristinformation, um von hier in den Tagebau einzufahren, Landschaft im Wandel und Technik zu erleben. Sie sehen die Ausstellungen, die Filme. Aber darum, dass Gäste sich die Stadt am Tagebau ansehen, Händler, Gaststätten und Pensionen besuchen, muss weiter gerungen werden. Unter dem Stichwort Tourismus hat die Stadtverwaltung im Internet zehn Übernachtungsmöglichkeiten und 15 Gastronomie-Einrichtungen in Welzow und Proschim gelistet. Der Bäcker profitiere, Busunternehmen, zählt Laumen auf.  „Welzower ist schöner geworden, aber es ist einfach keine Touristenstadt“, sagt er.

Trotz der Widersprüche  möchte die Sabine Gaebel (SPD) die 50 000 Euro von der LE-B nicht missen. Denn sie weiß aus anderen Kommunen, wie schwer die Finanzierung einer Touristinformation ist. „Bekommen wir das Geld nicht, muss es aus der Stadtkasse finanziert werden, oder wir hören mit der Touristinformation auf.“

Nach neun Ja-, vier Gegenstimmen und einer Enthaltung ist Birgit Zuchold ermächtigt, die Kompensationsvereinbarung mit der LE-B zu schließen. Zum Vorwurf der „Geldwäsche“ rief die Stadt ihren Steuerberater an. Stadtverordneter Helmut Franz (SPD) erläutert: „Die Umsatzsteuerpflicht liegt nicht bei der Stadt Welzow, es ist unschädlich für die Stadt und keine Geldwäsche.“