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| 01:09 Uhr

Was Bismarck über das Bier sprach

4. Woche 1905.. Das Jahr 1905 könnte ein unruhiges Jahr werden, orakelte der Chefredakteur des Spremberger Stadtanzeigers. Als Beweis führte er den Bergarbeiterstreik in Rheinland-Westfalen und ein Attentat auf den russischen Zaren an.

Die Unruhen in Russland, später als Blutsonntag von Petersburg bezeichnet, nahmen einen sehr großen Umfang in der Berichterstattung ein. Die Übergabe einer Bittschrift durch den orthodoxen Priester Vater Gapon an den Zaren wurde durch ein brutales Vorgehen der Polizei verhindert. 2000 Tote. „Der Ausbruch der vollen Revolution wird befürchtet“ „.“ Heute hört man Bushs Pläne zum Iran.
Am 27. Januar 1859 war der Kaiser geboren worden. 1905 feierte er seinen 46. Geburtstag. „Der heutige Geburtstag des Kaisers wird in folge der Erkrankung des Prinzen Eitel=Friedrich in beschränktem Umfang gefeiert.“ Die Krankheit stellte sich als eine handfeste Lungenentzündung heraus. Beim damaligen Stand der Medizin war Vorsicht geboten. Der Prinz wurde jedoch recht schnell wieder gesund. Dadurch konnte der Ablauf der Feierlichkeiten wie jedes Jahr stattfinden.
In Spremberg spielte die Stadtkapelle vom Balkon des Rathauses: „Lobet den Herrn“ , die „Nationalhymne“ und den „Preußenmarsch“ . Um 4 Uhr wurde mit 60 Teilnehmern im „Hotel zur Sonne“ festlich gegessen. Landrat Wilkins sprach in kernigen, als warm empfundenen Worten und brachte das Kaiserhoch aus. Heute lässt der Landrat erklären. Wenn man sich einem Wettbewerb - wie beispielsweise der Ausrichtung einer Landesgartenschau - stellt, muss man auch verlieren können. Das können wir. Ich persönlich finde es aber äußerst schade.
Herr Saebisch machte sich auch Gedanken - wesentlich nützlichere - zu den Bockbierfesten. Da der kulturhistorische Wert dieser Betrachtung ein größerer war, möchten wir Sie gern an diesen epochalen Erkenntnissen teilhaben lassen. Sie sind allemal lehrreicher als die Landratsgedanken. „Männlein und Weiblein wandern jetzt gern, wenn sich der Abend mild zur Erde senket, in die Hallen des Gambrinus, um sich das mit Recht so beliebte Bockbier kredenzen zu lassen .“ Der Name Bockbier, spekulierte er weiter, komme entweder daher, dass der Genuss des Bieres uns „wie ein Böckchen hin und her springen lasse“ . Oder er sei vom heiligen Ziegenbockpaar des germanischen Donner- und Regengottes abgeleitet. Wo der mit seinem Wagen langfuhr, sollte die Gerste am üppigsten wachsen. Diese Gedanken würzte er mit klassischen Zitaten. Wir geben sie ganz beson-ders gern wieder. Bismarck: „Es ist eine alte Erfahrung, dass die Anschauungen immer milder werden, je mehr Bier man im Leibe habe. ... Essen ist eine Notdurft des Magens, Trinken ist ein Bedürfnis der Seele. ... Trinken, meint Hackländer, erhebt unseren Geist, während das Essen schwer macht und an den Boden fesselt.“
Nach dieser gewaltigen Denkübung konnte er nicht sofort aufhören. Er musste abtrainieren und ließ noch einen Hinweise folgen. „Der Stuhl ist besetzt“ , das war schon vor 100 Jahren eine verbreitete Unsitte. Damals gab es einen richterlichen Entscheid. „Kein Mensch hat das Recht für andere Leute in einem öffentlichen Lokal Stühle zu belegen. Es sei denn, für den reservierten Platz wurde bezahlt und der Wirt selbst habe den Platz als reserviert bezeichnet.“