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| 02:36 Uhr

Warum die Spremberger Bürgermeisterin mit sozialen Netzwerken wie Facebook hadert

Zwar nutzt Christine Herntier Facebook noch, vor allem auf ihrem Mobiltelefon. Aber sie pflegt ein ambivalentes Verhältnis zur Internet-Gerüchteküche.
Zwar nutzt Christine Herntier Facebook noch, vor allem auf ihrem Mobiltelefon. Aber sie pflegt ein ambivalentes Verhältnis zur Internet-Gerüchteküche. FOTO: René Wappler
Spremberg. Wilde Gerüchte gehen um, Wut bricht sich Bahn, alles schaukelt sich in einem Irrsinnstempo hoch: Die Nebenwirkungen der Kommunikationskanäle im Internet erreichen auch die Kommunalpolitik. René Wappler

In diesen Zeiten sollten die Menschen einander ein friedliches neues Jahr wünschen: Das sagte in dieser Woche eine Mitarbeiterin des Spremberger Rathauses zur parteilosen Bürgermeisterin Christine Herntier. Nun ist es Freitagmorgen, eben hat die Stadtchefin die Sternsinger getroffen, an ihrem Konferenztisch blättert sie in den Haushaltsunterlagen des Jahres 2017, und sie lässt die Worte ihrer Mitarbeiterin nachhallen.

Ein friedliches neues Jahr. In diesen Zeiten.

"Vielleicht wird das wirklich zu wenig geschätzt", sagt Christine Herntier, "dass es den meisten Menschen hierzulande noch recht gut geht."

Wer sich nur bei sozialen Netzwerken wie Facebook informieren würde, könnte annehmen, dass der Weltuntergang bevorsteht. Vor diesem Szenario verblasst alles andere, auch eine Arbeitslosenquote von 7,8 Prozent, im Dezember für Spremberg gemeldet. Oder die Hilfsbereitschaft vieler Einwohner der Stadt, ob für die Aktion "Weihnachten im Schuhkarton" oder für die Kinder der Wiesenwegschule, die im Dezember knallrote Rennfahrzeuge im Wert von 2000 Euro erhielten.

Selbst vor der Spremberger Weihnacht macht das apokalyptische Raunen nicht Halt.

Die Stadt beteiligte sich am Bundeswettbewerb "Best Christmas".

"Das fand ich toll", sagt die Bürgermeisterin. "Also stimmte ich für Spremberg ab - und musste kurz darauf im Internet Kommentare lesen, die sinngemäß lauteten: ,Alles Mist hier'."

Und dann landete Spremberg beim Weihnachtswettbewerb doch im guten Mittelfeld. Platz 19 von 50 teilnehmenden Städten, so lautete der Stand am gestrigen 6. Januar, dem letzten Tag der Abstimmung.

Zu wütenden Kommentaren gesellen sich im Internet schnell wilde Gerüchte. Die Spremberger Rathaus-Mitarbeiter hätten einen Lieferanten angewiesen, auf Schweinefleisch beim Kita-Essen zu verzichten. Asylbewerber hätten die Schwimmhalle mit Fäkalien verunreinigt. All das ließ sich im vergangenen Jahr auf Facebook lesen, ohne Grundlage in die Welt gesetzt. Statt der Verfasser dementierten die Rathaus-Mitarbeiter - und im Fall des Schwimmhallen-Märchens erstatteten sie eine Anzeige.

Als die Stadtverordneten im Jahr 2015 über die Pläne für eine Asylbewerber-Unterkunft in Trattendorf berieten, sagte der Fraktionschef der Nächsten Generation, Benny Stobinski: "Seit einigen Wochen kocht es bei Facebook - es ist verheerend, erschreckend und teilweise beängstigend, was für Stigmata bedient werden."

Das ist die dunkle Seite der sozialen Netzwerke, mit der auch die Spremberger Bürgermeisterin hadert. "Wenn sie nicht einem solchen Missbrauch ausgesetzt wären, würde ich sie öfter nutzen", erklärt Christine Herntier.

Dabei toben in den sozialen Diensten keineswegs nur Wut und Zorn. Schüler des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums nutzen sie, um mit Jugendlichen aus der russischen Partnerstadt Schelesnogorsk in Kontakt zu bleiben. Judofreunde aus Spremberg konnten im Sommer über Facebook die Olympia-Reise von Mareen Kräh anhand ihrer persönlichen Berichte verfolgen. Über das Netzwerk fand im August die Mutmach-Radtour von Menschen mit Depressionen in die Spremberger Region - und inspirierte andere Patienten.

Auch den Besuch der Sternsinger im Rathaus am Freitagmorgen wird die Bürgermeisterin mit einem Eintrag auf Facebook würdigen. "Die Leute freuen sich immer, wenn man von solchen Aktionen berichtet", sagt sie. "Das war beim 60. Geburtstag der Trachtenkapelle Spremberg ebenfalls so."

Zum Thema:
Das Weltwirtschaftsforum stuft digitale Fehlinformationen als eine der größten Gefahren für die menschliche Gesellschaft ein. Eine Studie italienischer und US-amerikanischer Wissenschaftler unter dem Titel "The spreading of misinformation online" ("Das Ausbreiten von Fehlinformationen im Internet") besagt: Nutzer tendieren dazu, Inhalte zu verbreiten, die ihre Perspektive bestätigen - während sie andere Inhalte ignorieren.