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Warten auf den Schornsteinfeger?

Obwohl seine Kunden mehr Verantwortung haben, gehört Verlässlichkeit für Lars Böhrenz zu den Tugenden des Schornsteinfegers.
Obwohl seine Kunden mehr Verantwortung haben, gehört Verlässlichkeit für Lars Böhrenz zu den Tugenden des Schornsteinfegers. FOTO: mat1
Spremberg. Aufregung in Guben: "Unser Schornsteinfeger geht jetzt in Rente. Ich habe gehört, dass ich mir nun selbst einen neuen suchen muss?" Der Spremberger Lars Böhrenz, Obermeister der Schornsteinfegerinnung Cottbus, zu der auch die Landkreise Elbe-Elster, Dahme-Spreewald, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße gehören, nickt. Annett Igel-Allzeit

"Solche Anrufe habe ich immer mal wieder", sagt er. Doch er vergibt nicht nur winzige schwarze Glücksbringer, er bleibt auch verständnisvoll am Telefon. "Viele unserer Kunden sind es seit Jahrzehnten gewohnt, dass wir bei ihnen vorbeischauen, wenn es soweit ist", so Böhrenz. Kleine Benachrichtigungszettel mit dem Schornsteinfeger oben drauf verteilen deshalb er und seine Kollegen noch immer. Tatsächlich aber sind Wohnungs- und Grundeigentümer verpflichtet, in ihre Feuerstättenbescheide zu schauen.

Für die hoheitlichen Tätigkeiten bleibt der jeweilige Kehrbezirksschornsteinfeger zuständig: Dazu gehören die Kontrolle der Eigentümerpflichten, die Feuerstättenschau, der Erlass des Feuerstättenbescheids, die Kehrbuch-Führung, Bauabnahmen. Nicht hoheitliche Aufgaben aber wie das Kehren, Prüfen und Messen dürfen nun überall alle Schornsteinfegerbetriebe erbringen, die in der Handwerksrolle eingetragen sind. Der Kunde wählt den Betrieb - muss seinem Bezirksschornsteinfeger aber den Nachweis zukommen lassen, erklärt Lars Böhrenz.

In 13 Kehrbezirke ist Spree-Neiße aufgeteilt, so Silvia Friese von der Pressestelle des Landratsamtes. Das Gubener Problem sei gelöst. Schornsteinfegermeister Uwe Schwarzbach wird den Kehrbezirk des Kollegen, der in Rente gehen will, zum 1. Juli 2017 übernehmen. Da ein Meister immer nur einen Kehrbezirk haben darf, wird Schwarzbachs bisheriger Bezirk neu ausgeschrieben.

Früher gehörte einem Schornsteinfegermeister der Kehrbezirk auf Lebenszeit. "In Bayern wurde er sogar mal vererbt", weiß Böhrenz. Jetzt werden die Kehrbezirke alle sieben Jahre bundesweit neu ausgeschrieben. Das kann lange gut gehen, wenn sich der Bezirksinhaber wieder rechtzeitig um seinen Bezirk bewirbt, kostet aber auch alle sieben Jahre Gebühren. Für Schornsteinfeger, die bis zum 29. November bestellt worden waren, endete Ende 2014 ihre Bestellung. So hatten sich zum 1. Januar 2015 im Spree-Neiße-Kreis auf einmal viele Schornsteinfegermeister für ihren Bezirk neu bewerben müssen. Und nach sieben Jahren bedeutet das wieder viel Arbeit auf einmal. Silvia Friese: "Aus gegenwärtiger Sicht werden zum 1. Januar 2022 für acht Bezirke bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger zu bestellen sein." Böhrenz selbst hatte Glück: Da ihm sein Bezirk in Spremberg mit rund 2200 Grundstücken im Jahr 2009 zufiel, hinkt er der großen Bewerbungsphase seiner Kollegen etwas nach. Obwohl auch seine Innung Nachwuchsprobleme hat, gebe es derzeit noch genug junge Schornsteinfeger, die ihren Meister machen und in einen frei werdenden Bezirk hineinrutschen, wenn ein Kollege in Rente geht, erklärt Lars Böhrenz. Schornsteinfeger aus Polen oder Tschechien bewerben sich bislang nicht. "Das mit den Bezirken und Pflichten bei uns ist nicht so einfach. Wir müssen übrigens auch aufpassen, wo und mit welchen Aufgaben wir werben."

Die EU-Kommission hatte es 2003 mit ihrem Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland mit Schornsteinfeger und Verbraucher gut gemeint. Nach einer Übergangsphase gilt das neue Schornsteinfegergesetz seit vier Jahren. Seit drei Jahren bestellt der Landkreis Spree-Neiße die bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger. Doch in einem Bereich mit hohen Sicherheitsstandards bleibt es mit der Freiheit schwierig. Der Brandschutz liegt nicht mehr allein in der Verantwortung des Schornsteinfegers. Die Grund- und Wohnungseigentümer müssen veranlassen, dass die Kehr- und Überprüfungsarbeiten bei ihnen durchgeführt werden. "Zweimal in den sieben Jahren sollte wir unsere Grund- und Wohnungseigentümer zu einer Feuerstättenschau besucht haben. Das ist so eine Regel", sagt Böhrenz. Bei Belüftungsanlagen oder den Abzugshauben von Großküchen können Fristen wesentlich kürzer sein. Sonst drohen Gebühren für Zweitbescheide oder gar Bußgelder.

Ordnungsbehördlich tätig wurde der Spree-Neiße-Kreis 2016 in 54 Fällen. "Die Eigentümer hatten die Kehr- und Überprüfungsarbeiten nicht durchführen lassen, sie gegenüber ihren Bezirksschornsteinfeger nicht nachgewiesen", so Silvia Friese. In 19 Fällen musste der Landkreis Kehr- und Überprüfungsarbeiten beauftragen und überwachen. "Die dafür anfallenden Verwaltungskosten waren nicht unerheblich", sagt Silvia Friese. Auch um drei Beschwerden von Kunden, wo Schornsteinfeger angeblich nicht gesetzeskonform gearbeitet hatten, kümmerte sich der Kreis 2016.

Zum Thema:
56 Kehrbezirke gehören laut Oberinnungsmeister Lars Böhrenz zur Innung Cottbus, 48 der 56 Bezirksschornsteinfeger sind Mitglied der Innung. Eine Bezirksschornsteinfegerin gebe es in der Innung Cottbus noch nicht, aber zwei Gesellinnen - beide kamen als Schornsteinfegertöchter zu diesem Beruf. Wer Schornsteinfeger werden will, sollte sportlich, im doppelten Sinne schwindelfrei und pünktlich sein und auf Menschen zugehen können. Gute Noten in Chemie, Mathe, Physik und Deutsch seien wichtig, so Böhrenz. Und ein Praktikum hilft beiden Seiten.