Die Gesetze der DDR haben vor 30 Jahren gegolten. Doch hielt sich noch jemand daran? Die Spremberger beschäftigte damals die Zukunft der Innenstadt. Besorgt schauten sie auf den Marktplatz. Nachdem in der Jägerstraße typische DDR-Neubauten hochgezogen worden waren, fragten sich viele, ob der Blickfang gegenüber dem Rathaus – heute der Standort des City-Centers – auch ein langweiliger Neubaublock werden soll.

Keine neuen modernen Plattenbauten für Spremberg

Die Idee, die neuen Plattenbauten etwas moderner zu gestalten wie auf dem Cottbuser Altmarkt, war abgelehnt worden. Spremberg war zwar Kreisstadt, aber eben keine Bezirksstadt. Viele forderten einen Baustopp für eine weitere „Platte“, andere hofften, ihre dort schon zugesagte Neubauwohnung beziehen zu können.

Die Wahl am 18. März 1990 war auch in Spremberg ein wichtiges Thema. Nachdem die DDR nach der Revolution im Herbst 1989 indirekt vom „Runden Tisch“ regiert wurde – ein Zusammenschluss von alten und neuen Massenorganisationen –, fieberten Ost und West dem Tag der Neuwahlen der Volkskammer entgegen. Im Vorfeld gab es große Wahlveranstaltungen mit Westpolitikern. Vor fast 50 000 Zuhörern sprach in Cottbus Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Die CDU in Spremberg erhielt damals 43 Prozent, die SPD knapp 16 Prozent, die Nachfolgepartei der SED, die PDS, kam auf 19 Prozent. Die Deutsche Soziale Union (DSU), die damals mit der Ost-CDU und dem Demokratischen Aufbruch zur Allianz für Deutschland gehörte, sich Ende der 90er-Jahre zu einer rechtspopulistischen Partei entwickelte und heute ganz klein ist, kam in Spremberg auf 6,8 Prozent und die Freien Demokraten auf 4,5 Prozent.

Traumhafte Beteiligung an ersten freien Wahlen in der DDR

Verlierer wurden überraschend die neuen Parteien, die den Wandel in der DDR eingeleitet hatten, der Demokratische Aufbruch erhielt 0,6 Prozent, Bündnis 90 genau 2,8 Prozent und die Ost-Grünen 1,7 Prozent bei einer wohl seither nie mehr erreichten 93,3-prozentigen Wahlbeteiligung. Die DDR wurde nun von einer großen Koalition regiert. Ministerpräsident wurde Lothar de Maizière von der CDU. Aus dem Spremberger Umfeld schaffte es Werner Marusch für die Bauernpartei in die neue Volkskammer.

Neben politischen Veränderungen gab es auch viele neue wirtschaftliche Entwicklungen in der Lausitz. Am 17. März 1990 gab die IFA-Vertriebsstelle in Großräschen bekannt, dass man ab sofort einen Trabant 601 ohne Wartezeit für 14 000 Ostmark mitnehmen könne. Das Interesse hielt sich in Grenzen, weil einerseits ab Mai ein Trabant mit VW-Motor verkauft werden sollte, andererseits es in der Zwischenzeit schon 32 000 West-Wagen in die DDR gab. Viele hofften, bald mit einem echten VW oder Opel fahren zu dürfen.

Schüler und Lehrer in Spremberg demonstrieren

Die Lehrer und Schüler demonstrierten für eine 5-Tage-Schulwoche, denn bis 1990 gingen sie auch in Spremberg noch am Samstag in die Schule. Bei Energie Cottbus wurden die Eintrittspreise für Stehplätze auf 2,60 Ostmark erhöht. Und die Spieler trotzten dem Dauermeister BFC Dynamo in der Oberliga ein 1:1-Unentschieden ab. Im DDR-Rundfunk gab es wieder Produktwerbung, und der Ostermontag wurde 1990 erstmals wieder ein Feiertag.

In Spremberg wollen sich viele Gaststätten privatisieren: die HO-Gaststätten „Lauermann“, „Hanseatenstube“, „Kleine Sonne“, „Zum Sprelawerker“ , „Broilerstube“, „Georgenberg“ und die Eisbar „Jalta“. Discos fanden fast an jedem Wochenende noch in Weskow-Veilchental, in Sellessen, im Kulturhaus Erich Weinert (MTS), im alten Kreisi und in Terpe statt.

Auch in Spremberg gibt es die ersten Arbeitslosen

Die ersten 13 Arbeitslosen wurden für Spremberg gemeldet. Am Frauentag trat Helga Hahnemann im Kulturhaus der NVA in der Forster Landstraße vor über 1000 Zuschauern auf. In der Lausitzhalle – damals Haus der Berg- und Energiearbeiter – singt in Hoyerswerda Veronika Fischer, die 1980 in den Westen ausgewandert war. Im Kulturhaus „Arthur Becker“ des Kraftwerkes Trattendorf gibt es eine Kindervorstellung mit „Frau Puppendoktor Pille“ organisiert hat das damals der Jugendclub Erebos, den es seit 1989 gibt.

Markus Weiß schreibt Geschichte


Der Spremberger Markus Weiß beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der jüngeren Geschichte. Regelmäßig recherchiert er in Archiven und schreibt Geschichtsbeiträge zu seiner Heimatstadt Spremberg. Er arbeitet derzeit als Sozialarbeiter in Schwarze Pumpe. Als Zeitzeuge schrieb er im Buch „Stadt Spremberg. Aus der Geschichte 2. Teil“ den Beitrag „Die Wende in Spremberg“.