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Vom Wasser in Spremberg zu deutscher Gülle und Bier

Gespannt verfolgen Naturfreunde im Spremberger Wasserwerk Vorträge von Reinhard Reißmann (r.) und Werner Kratz (Mitte).
Gespannt verfolgen Naturfreunde im Spremberger Wasserwerk Vorträge von Reinhard Reißmann (r.) und Werner Kratz (Mitte). FOTO: Annett Igel-Allzeit
Spremberg. "Wenn man sich nicht rührt, passiert gar nichts." Diese Erfahrung hat die Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) mit dem Problem braune Spree gemacht. Annett Igel-Allzeit

Verwundert registrierte auch sie, wie sich Politiker und Vertreter der Ministerien wenige Wochen vor den Bundestagswahlen am Vorstaubecken und auf der Wilhelmsthaler Brücke ablichten ließen. "Mich begleitet dieses Thema seit meinem Amtsantritt", sagt sie. Dass sich die Verhandlungen zum Verwaltungsabkommen zur Finanzierung der Braunkohlesanierung für 2018 bis 2022 so lange hingezogen haben, gehöre zu den Versäumnissen der großen Politik. "Sie haben ihre Spielchen gespielt. Die nächsten Verhandlungen dürfen sich nicht so verschleppen", erklärte sie am Samstag zum 9. Wasser- und Naturschutztag des SWAZ und des Nabu-Regionalverbandes.

Die Tagung stellte sich diesmal dem Thema Wasserqualität allgemein. Wie Christine Herntier erzählte, sei das Wasser - einst als "Slamener Riesling" gewürdigt - einer der guten Standortfaktoren, den sie Rückkehrern und Zuzüglern nennt. Auch Bernd Schmied, Verbandsvorsteher des SWAZ, bestätigt, dass man in Spremberg das Wasser bedenkenlos aus dem Wasserhahn trinken dürfe. Der SWAZ gewinne das Rohwasser aus Brunnen in Tiefen bis zu 40 Metern. "Die Wasserfassungen und deren Einzugsgebiete sind zu 90 Prozent bewaldet, ein geringer Teil grenzt an landwirtschaftlich genutzte Flächen", so Schmied. Die Brunnen würden kontinuierlich beprobt und mit bis zu 79 Parametern bewertet. Aber Werner Kratz, der stellvertretende Vorsitzende des Nabu-Landesverbandes Brandenburg, blieb am Samstag trotzdem unruhig. Er wohnt zwischen Potsdam und Berlin, wo die Wasserwerke das Trinkwasser aus Uferfiltrat gewinnen. "Von 248 Pestizidwirkstoffen, die in Deutschland zugelassen sind, stehen nur neun auf der Liste der Trinkwasserschutzverordnung", so Werner Kratz. Zu allen anderen gibt es null Aussagen. Und noch gar nicht aussagekräftig seien die Messnetze: Für Nitrat, so erklärte Kratz, habe es 2012 in Brandenburg drei Messpunkte gegeben. Die Daten, die 2014 veröffentlicht wurden, lagen an allen drei Punkten über dem Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. Bei den 57 Brandenburger Messstellen zwei Jahre später - 697 waren es deutschlandweit - lagen an 15 Stellen die Nitratwerte über dem Grenzwert. Nein, da können im Vergleich noch nicht mehr herauskommen als "kaum eine Verbesserung und keine Verschlechterung". Aber nach Arsen-, Antibiotika-, Glyphosat- und Mikroplastik-Debatten enttäusche das.

In Deutschland, so versuchte Kratz die Oktoberfeststimmung aufzufangen, würde 33-mal mehr Gülle produziert als Bier. Viele Zuhörer schüttelten am Samstag den Kopf, auch Bernd Schmied seufzte - und fragte: Was können man da im Kleinen reparieren, wenn nur wenige Kilometer entfernt in Polen die in Deutschland längst verbotenen Pflanzenschutzmittel und Unkrautvernichter ohne sachkundige Hinweise verkauft werden?