ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 20:05 Uhr

Spremberg
Viel Lieblingskind im Lieblingsfilm

Zur Lausitziale-Reihe „Lieblingsfilm“ hatte sich Holger Fahrland (l.) diesmal Peter Moschall (r.) und Lara Kantor eingeladen.
Zur Lausitziale-Reihe „Lieblingsfilm“ hatte sich Holger Fahrland (l.) diesmal Peter Moschall (r.) und Lara Kantor eingeladen. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. Lausitziale-Verein diskutiert in der Lounge des Bergschlösschens Strittmatterfilm Von Annett Igel-Allzeit

Von Annett Igel-Allzeit

Inzwischen sieht sich Lara Kantor den Film „Die Mücke am Blatt“ gern an. Sie überlegt, was sie im nächsten Film besser machen kann. Der Spremberger Verein Lausitziale hat sich die Elftklässlerin zum zweiten Abend der neuen Reihe „Lieblingsfilme“ eingeladen. Die Sprembergerin spielt die Hauptrolle, weiß, wie schwer es ist, zwischen Sonnenblumen traurig zu gucken. Nach 30 Minuten Film sitzt ein selbstbewusstes Mädchen vor den Filmfans, das den redseligen Produzenten, Regisseur und Kameramann Peter Moschall, der ihr Onkel ist, munter unterbrechen darf.

Moschall war ZDF-Kameramann in Magdeburg, hat aber seine Wurzeln in Spremberg. Den Vorruhestand nutzt er, um ein Versprechen einzulösen. Als er Lara vor drei Jahren zur Jugendweihe fotografierte, merkte er, wie natürlich sich das Mädchen vor der Kamera bewegt. „Ich brauchte nichts sagen, nur klicken.“ Angesichts der gelungenen Fotos hatte er ihr versprochen: „Lara, mit dir drehe ich mal einen Film“.

Joachim Jahns gab ihm mit seinem Buch „Erwin Strittmatter und die SS“ bei einer Lesung in Magdeburg den Anstoß, die Strittmattersche Kurzgeschichte „Mücke am Blatt“ lieferte den Titel und viele schlaflose Nächte, in denen sich Moschall, wie er erzählt, das Hirn über den Sinn zermarterte: Die Mücke überlebte nur, weil sie sich vor dem Regen an die Unterseite des Blattes verkrochen hatte. Wollte Strittmatter in der Schreibstube während des Zweiten Weltkrieg auch nur überleben? „Er wollte doch ein großer Dichter werden“, so Moschall.

Strittmatters Worte – im Film gesprochen von Hellmuth Henneberg – lässt Moschall die Worte eines Großvaters sein. Und der erzählt der fiktiven Enkelin vom Faustkeil, vom Baum, den Vögeln und von der Mücke. Und Lara Kantor? Sie antwortet, widerspricht und findet sich, wächst.

14 war sie, als sie am Anfang des Films in die Schule radelt, 16, als sie am Ende den Regen kommen sieht. Aber trägt diese zarte Sinn-Suche eines Mädchens die Geschichte der Heimkehrer aus dem Grauen des Zweiten Weltkriegs? „Viele konnten über ihre Erlebnisse nie sprechen – wie mein Schwiegervater, und sie sind innerlich daran zerbrochen“, sagt Moschall.

Schnell war die Diskussion eröffnet. Andreas Köfer sieht vor allem das Erwachsenwerden einer jungen Frau – „dafür wurden in diesem Film mehrere künstlerische Entscheidungen ganz richtig getroffen.“ Doch Köfer befürchtet ein wenig, dass der häufige Kleiderwechsel, der den Wandel, das Suchen ausdrücken will, den Zuschauer ins Oberflächliche abgleiten lässt. Maurice Schulz hält den „Outfitwechsel vorm Spiegel für eine gelungene Versinnbildlichung des schwierigen Selbstfindungsprozesses“. „Mich erinnern die im Film zitierten Aphorismen Strittmatters an Jean-Paul Sartre und seinen Existenzialismus“, sagt Schulz. Er hat sich intensiv mit dem französischen Schriftsteller und Philosophen beschäftigt.

Mehrere Besucher – die Lounge des Bergschlösschens war gut gefüllt – hatten den Film zum zweiten Mal gesehen und sich trotzdem nicht gelangweilt. Schüler des Gymnasiums, deren Kritiken Moschall bekommen hatte, schrieben, dass sie den Film zwei- oder dreimal sehen mussten, um ihn zu verstehen. Zugleich ist es aber auch spannend, wenn ein Film so viel Tiefe hat, dass er mehrmals gesehen werden kann. Lausitzer Landschaften hat Moschall gefunden und viele Gleichnisse. Zu hören sind die literarische Texte aus Strittmatters „Selbstermunterungen“ und dem „Schulzenhofer Kramkalender“, Lara Kantors Gedanken, das Vogelgezwitscher, das Grollen des Himmels, ein Sausewind. Und schließlich die Musik der Berliner Komponistin Melanie Minut. Zum 105. Geburtstag im August 2017, den der Erwin-Strittmatter-Verein mit einem Hoffest in Bohsdorf feierte, hatte „Die Mücke am Blatt“ Premiere. Mitten in den Sommerferien – und Lara Kantor war enttäuscht, dass unter den vielen Gästen kein Lehrer ihrer Schule war. Zumindest im Abiturjahrgang sei bis heute keine Zeit für den Film, der junge Leute wieder neugierig auf Strittmatter machen soll, gewesen. In jüngeren Klassen wurde er gesehen, und Sechstklässler haben sie angesprochen, ob sie die Lara aus dem Film sei. Dass sie so gut mit Kritik umgehen könne, sich den Fragen stellt, gefiel am Lausitziale-Abend der Spremberger Bürgermeisterin Christijne Herntier.

Wie der Film bei den Senioren ankommt, will das Bildungszentrum 55 plus im Kontaktcafé der Volkssolidarität testen. Peter Moschall hat als Kind in diesem Haus, das heute der Volkssolidarität gehört, gewohnt. Zugleich war Barbara Franke, eine der Organisatorinnen des Bildungszentrums, Moschalls Kunstlehrerin.