Ulrich Acksel zu beschreiben, ist schwierig. Er scheint ein nimmermüdes Multitalent. Der 62-jährige Rentner malt respektable Bilder, schreibt amüsante Geschichten, hat sein Haus in Forst in unterschiedlichen Stilen und Kulturen ausstaffiert. Vor allem aber hat Ulrich Acksel über 20 Jahre als Gastronom in Großräschen für Furore gesorgt. „Irrsinnige Sachen“ habe er sich einfallen lassen.
1965 übernahmen Ulrich und Karin Acksel die Gaststätte. Weil sich das verschuldete Haus weder verkaufen noch verschenken ließ, krempelten Acksels die Ärmel hoch, fingen mit viel Enthusiasmus, 50 Mark Wechselgeld und einem Haufen Schulden an. Die Frau wurde schwer krank, Acksel war mit dem anderthalb Jahre alten Sohn und dem Haus wochenlang allein. „Es war grauenvoll“ , erinnert sich Acksel. Wenn nicht gerade Bockwurst, Hackepeter oder Schaschlik zu bereiten waren, fing der rührige Unternehmer an, den heruntergekommenen Laden eigenhändig zu bemalen, zu dekorieren. Als das erste kunstvoll arrangierte Silvester-Buffet nicht angenommen wurde, „die wollten lieber Bockwurst“ , war das Paar nervlich und körperlich am Ende, wollte nur noch weg und fuhr nach Cottbus ins Reisebüro.

Wie ein Schneeball-System
Das war der Anfang von Acksels Erlebnisbereichsgaststätte. Man kam ins Gespräch, an dessen Ende wurde das Frühstück aller künftigen Sachsen-Touren nach Großräschen verlegt, und weil es so gut war, kamen Frauentags- und Brigadefeiern dazu, später komplette Reisegesellschaften. „Das war wie ein Schnellball-System.“ Zum Weihnachtsmarkt haben sich die Leute „bei mir im Garten gedrängelt“ und an der Sektbar und Soljanka gütlich getan, während es auf dem Festplatz nur „olle Möhren“ gab.
Die legendär gewordenen Themen-abende, für Acksel „Kindergeburtstag für Erwachsene“ , sind Geschäftsphilosophie. Der Diplom-Gastronom, der schon an der Hotelfachschule in Leipzig mit pfiffigen Ideen auffiel, „wollte die Leute doch bloß vom Trinken ab- und unterhalten“ . Wenn er jeden Gast an der Tür mit Handschlag begrüßte, suchte er schon Kandidaten aus. Für die Spielchen. Acksel machte hundert Mann den ganzen Abend über heiß auf die Schlossbesichtigung. Am Ende zog die Prozession in den Stadtpark und machte vor einem alten Türschloss halt, umrahmt von zwei brennenden Fackeln. Zum Gaudi aller. „Und Sie können sich nicht vorstellen, wie sie alle auf die Schlossbesichtigung gewartet haben. Man will durch Bekanntes überrascht werden“ Dass Ulrich Acksel auf diese Idee kam, um die Tische in der Zeit abräumen zu lassen, sagte er den Gästen natürlich nicht.
An ein Spiel erinnert sich der Großräschener Thomas Adam. Selbst erlebt hat er die Abende nicht, dazu ist er mit 42 Jahren zu jung. Aber als Jugendlicher bekam er einen Hauch von dem mit, was bei Acksels drei Ecken weiter lief. Als Menschen abends plötzlich an der Haustür klingelten, mit einem Ei in der Pfanne und es bei Adams auf dem Herd braten wollten. Über die „kuriosen Einfälle“ von Herrn Acksel muss er heute noch schmunzeln.
Ulrich Acksel machte schon Travestieshows in Großräschen, als es Mary und Gordy noch nicht gab, spielte pointierte Kabarett-Programme und hatte wohl eine gewisse „Narrenfreiheit“ . „Die Oberen wussten nicht, ob sie mich einsperren sollen oder auszeichnen.“

Infarkt als Glück
Sein erster Herzinfarkt 1988 sei sein großes Glück gewesen, sagt Ulrich Acksel heute. Als ihn die Ärzte abschrieben, keiner seiner drei Söhne die Gaststätte übernehmen wollte, verkaufte er. „Was Besseres konnte mir nicht passieren. Mit einer Gastwirtschaft in die Wende, das wäre doch furchtbar gewesen.“