ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:33 Uhr

Kleine Renten
Ein bisschen mehr Rente

Jahrelang eigene Angehörige gepflegt - wie sieht es dann eigentlich mit der Rente aus? Bei einem Informationsabend in Spremberg soll es konkrete Informationen geben.
Jahrelang eigene Angehörige gepflegt - wie sieht es dann eigentlich mit der Rente aus? Bei einem Informationsabend in Spremberg soll es konkrete Informationen geben. FOTO: dpa-tmn / Patrick Pleul
Spremberg. Veranstaltung in Spremberg: Senioren, die ehrenamtlich pflegen, können davon profitieren. Von Annett Igel-Allzeit

„Wer so viele Jahre einen Familienangehörigen gepflegt hat wie ich, der sollte nicht nur Anspruch auf eine Grundsicherung haben. Das ist körperliche Schwerst­arbeit.“ Das sagt eine Sprembergerin, 72 Jahre, die ihren Mann pflegt. Die Rentnerin möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. „Mich kennen zu viele“, sagt sie lachend, will aber ihre Geschichte erzählen.

Seit 52 Jahren ist sie verheiratet. Zwei Töchter hat sie. Stolz zeigt sie auf ihrem Handy ein Foto von den beiden jungen Frauen, die Jüngere sitzt im Rollstuhl. „Heute macht man mehr mit den behinderten Kindern, und das bringt auch etwas. Meine Kleine ist spastisch gelähmt und galt in der DDR als nicht schulfähig“, sagt sie. 1998 hat sie ihren Beruf als Hortnerin ganz aufgegeben, und ihre Tochter aus dem Heim, in dem sie montags bis freitags betreut wurde, geholt, um sich ab dem 1. Januar 1990 rund um die Uhr um sie kümmern zu können. Ihr Mann arbeitete im Bergbau, ließ sich mit 18 Prozent Abzügen früher in die Rente schicken, um seiner Frau mehr zu helfen. 13 Jahre ging das gut, bis ein Aneurysma bei ihrem Ehemann riss und der erste Schlaganfall folgte. „Zum Glück war meine große Tochter bereit, ihre jüngere Schwester zu sich zu nehmen. Denn seit 2003 pflege ich meinen Mann“, erzählt die Sprembergerin. Die Zahl seiner Schlaganfälle ist auf fünf gestiegen, drei kleinere, zwei große. Das Paar lebt mit der Angst, es könnte wieder ein Aneurysma platzen.  Kämpfen musste sie schon immer. Um Pflegegeld in der Urlaubszeit, um das Kindergeld ihrer Tochter, um Arbeitslosengeld.

Es gab Zeiten, da konnte sie das Wort Widerspruch nicht mehr hören. „Ich habe zwar am Ende immer Recht bekommen, aber es kostet so viel Kraft. Um das Kindergeld für meine Tochter habe ich vier Jahre gekämpft, zum Schluss sogar ohne Anwalt.“ Hört sie den Namen Norbert Blüm, der gern als Vater der Pflegeversicherung bezeichnet wird, lächelt sie jedoch. „Ich finde gut, was er ins Rollen gebracht hat, und ich habe vielleicht sogar einen kleinen Anteil daran“, so die 72-Jährige.

1991 hatte sie sich hingesetzt und einen Brief an den damaligen Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung geschrieben. „Damals bewegte mich, dass jedem Werktätigen während seines Urlaubs weiter Gehalt bezahlt wurde, für uns daheim Pflegende in der Urlaubszeit aber das Pflegegeld wegfiel“, erinnert sie sich. Zwei drei Jahre nach ihrem Brief wurde das Gesetz dahingehend geändert, dass den Pflegenden in der Urlaubszeit 50 Prozent des Pflegegeldes zustand. „Und Norbert Blüm hat sich 1992 bei mir bedankt, dass ich meine Tochter aus dem Heim geholt habe, um sie selbst zu pflegen.“

Nein, viel Rente bekommt sie nicht. Und sie kämpft wieder: „Ich wünsche mir, dass mir 40,5 Jahre als Arbeitsjahre angerechnet werden: die Jahre, die ich in meinem Beruf gearbeitet habe, und die Jahre, die ich gepflegt habe.“

Klaus-Dieter Peters, Berater der Deutschen Rentenversicherung in Spremberg, nickt. In der Anerkennung von Leistungen für die Rente gehe es immer nur in kleinen Schritten voran. Was es heißt, einen Angehörigen zu pflegen, hat er selbst erfahren. Und er will der 72.-jährigen Sprembergerin helfen, ihre monatliche Rente wenigstens etwas aufzubessern. „Besonders Frauen haben oft nur eine kleine Rente. Sie pflegen aber ihren Partner, Enkelkinder, sogar Nachbarn. Das können sie sich anrechnen lassen und ihre  Rente ein bisschen aufbessern“, erklärt Klaus-Dieter Peters. Möglich ist das seit dem 1. Januar 2017, doch auch die 72-jährige Sprembergerin hat die Erfahrung gemacht, dass nicht alle örtlichen Vertretungen von Pflegekassen das von Anfang an wussten. Man müsse mal wieder nachhaken, dran bleiben, nach ersten negativen Bescheiden in Widerspruch gehen. Und keiner, so Peters, darf Unsummen erwarten. Gezahlt wird ab Pflegegrad 2. Und die monatliche Anwartschaft für ein Jahr Pflege kann von 5,84 Euro im Pflegegrad 2a bis 30,90 Euro im Pflegegrad 5c reichen. „Voraussetzung ist, dass man seine Vollrente auf eine Teilrente von 99 Prozent ändern lässt, wobei die Teilrente jederzeit wieder in eine Vollrente umgewandelt werden kann“, erklärt Klaus-Dieter Peters. Und gepflegt werden müsse wöchentlich an mindestens zwei Tagen und mindestens zehn Stunden. „Der Gesetzgeber hat sich dabei natürlich etwas gedacht“, erklärt Klaus-Dieter Peters, „mehr Pflegebedürftige sollen in häuslicher Umgebung gepflegt und teure Heimplätze vermieden werden.“

Mehr Menschen mit kleinen Renten sollen davon profitieren, findet Peters und plant  für den 28. November deshalb eine größere Informationsveranstaltung.