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| 17:25 Uhr

Spremberg
Unter Kopfhörern im Klassenraum

Unter Kopfhörern können die Erstklässler im Haus des Lernens sich besser auf ihre Aufgaben konzentrieren. Aber nicht alle Kinder brauchen sie, sagt Klassenlehrerin Ute Hoffmann.
Unter Kopfhörern können die Erstklässler im Haus des Lernens sich besser auf ihre Aufgaben konzentrieren. Aber nicht alle Kinder brauchen sie, sagt Klassenlehrerin Ute Hoffmann. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. Haus des Lernens probiert mit Erstklässlern neue Konzentrationshilfe aus.

Zum Gehörschutz greifen Bauarbeiter, Arbeiter der Glasmanufaktur Brandenburg, der Papierfabrik Spremberg. Aber Kinder der Grundschule? Mehr als zwei Drittel der Erstklässler im „Haus des Lernens“ des Albert-Schweitzer-Familienwerkes schwören drauf.

An einer langen Holzstange im Klassenraum baumeln seit den Winterferien Kopfhörer mit neongrünen Ohrmuscheln. Kaum haben die Kinder ihre Ranzen abgestellt, holen sie sich Muggelsteine, Knete, ihr Schreibheft – und die Kopfhörer. „Wir haben als verlässliche Halbtagsschule morgens unsere offene Eingangsphase“, erklärt Ute Hoffmann, die Klassenlehrerin, „kommen die Kinder zwischen 7.15 und 7.35 Uhr in den Klassenraum, haben sie Zeit für das individualisierte Lernen mit Aufgaben aus der Lerntheke. Unter den Kopfhörern können sie sich besser konzentrieren, während Muggelsteine klappern, Mitschüler mir ein Erlebnis vom Wochenende erzählen, die Geräusche vom Gang durch die offenen Tür schwappen.“

Emily zieht ihre „Micky-Maus-Ohren“, wie die KInder die Kopfhörer nennen, heute vorsichtig über den Kopf: „Ich habe Ohrringe bekommen“, flüstert sie und zeigt die winzigen Blüten. Erleichtert stellt sie fest, dass der Schmuck unter den Kopfhörern nicht stört. Das ist gut. „Alles wird leiser, ich kann ganz konzentriert lesen und rechnen“, so Emily. Anni genießt die Kopfhörer besonders morgens. „Sie bedeuten nämlich auch, dass jemand in Ruhe arbeiten will“, so die Siebenjährige. Ist doch mal eine Frage nötig, werde sich bemerkbar gemacht, erzählen Lina und Joyce. Redet Ute Hoffmann normal, verstehen die Kinder sie auch durch den Lärmschutz. Und sie bimmelt mit der Glocke, wenn sie nach einer selbstständigen Phase die Aufmerksamkeit aller braucht.

Einige Kinder nutzen die Kopfhörer kaum. Ansger hat mehrere Geschwister, weshalb es zu Hause selten still ist. Doch dass deshalb seine Konzentrationsfähigkeit durchtrainiert sei, will er nicht behaupten. „Ich lese gern unter Kopfhörern“, erklärt er, „aber wenn sie alle hier aufhaben, ist es so leise, dass ich keinen Lärmschutz mehr brauche.“

Nicht alle Eltern waren begeistert, als Ute Hoffmann ihnen das Konzept vorstellte. „Einige haben gefragt, warum wir die Kinder unter eine Glasglocke setzen wollen.“ Doch es sei freiwillig. „Ich empfehle es, die Kinder entscheiden selbst – ebenso wie sie sich selbständig die Zählmaschine holen, wenn ich über die Zehn hinausgehe.“ Aber der Erfolg überzeuge die Kinder: Sie können sich besser konzentrieren und bewältigen Aufgaben schneller. „Grundschüler wollen meist alles, was um sie herum geschieht, mitbekommen. Das Aufmerksamkeitsfeld selbst zu begrenzen, fällt ihnen noch sehr schwer“, weiß die Lehrerin.

Erfahren hat sie von den Konzentrationshelfern in ihrer Facebook-Gruppe. „Das sind Deutsche und Österreicher, die sich für Grundschulen interessieren. Eine Mutter in dieser Gruppe brachte die Idee ein, wollte einfach wissen, ob jemand Erfahrung damit hat. Da wurde ich neugierig“, sagt Ute Hoffmann.

Inzwischen weiß sie, dass die Kopfhörer sogar helfen, wenn ein Kind plötzlich zum Wirbelwind wird: „Unterm Lärmschutz findet es zu sich, beruhigt sich.“ Trotzdem soll sich die Kopfhörer-Phase in den nächsten Jahren wieder „ausschleichen“. „Vielleicht“, so hofft Ute Hoffmann, „konzentrieren sich meine Schüler in der zweiten Klasse schon besser, wenn ich sie nur an die Kopfhörer erinnere.“