| 02:33 Uhr

"Unsere Geduld ist aufgebraucht"

Die Braunkohlebagger sichern nicht nur Jobs in der Region, sie bedrohen auch Existenzen in den Gemeinden rund um die Tagebaue.
Die Braunkohlebagger sichern nicht nur Jobs in der Region, sie bedrohen auch Existenzen in den Gemeinden rund um die Tagebaue. FOTO: dpa
Welzow. Eberhard Rössler ist wütend. "Das Maß ist jetzt voll, ich fühle mich betrogen", sagt er am Freitagabend vor etwa 60 versammelten Mitgliedern der Bürgerinitiative "Zukunft Proschim/Welzow". Simone Wendler

"Wir wollen eine Entscheidung, ja oder nein", fordert er unter dem Beifall der Versammelten. Und eine kurzfristige und angemessene Entschädigung für die bereits erlittenen Belastungen.

Rössler ist eines von rund 120 Mitgliedern der Bürgerinitiative, die zwei Abgeordnete in der Welzower Stadtverordnetenversammlung und den Ortsvorsteher von Proschim stellt. Vor zehn Jahren hatten sich darin Einwohner des Welzower Wohnbezirkes V und des Ortsteils Proschim zusammengefunden, die für den Erweiterungstagebau Welzow-Süd II umgesiedelt werden sollen.

Seit Ende April ist mit dem neuen Revierkonzept des Bergbaukonzerns Leag klar, dass die Erweiterungstagebaue Jänschwalde-Nord und Nochten II nicht aufgeschlossen werden. Rund 2400 von Umsiedlung bedrohte Lausitzer konnten aufatmen. Die Entscheidung über das Erweiterungsfeld Welzow-Süd II wurde jedoch weitere drei Jahre aufgeschoben. Für mehr als 800 Einwohner der Welzower Ortsteile Proschim und Wohngebiet V geht damit die Ungewissheit weiter. Dort kippt jetzt die Stimmung.

Die Mitglieder der Bürgerinitiative hatten sich schweren Herzens in Verhandlungen über die Umsiedlung gefügt. 2014 war mit ihnen bereits über neue Wohnstandorte gesprochen worden. Ein Jahr später hatten die Verkaufspläne Vattenfalls alles gestoppt, für einige Betroffene mit erheblichen Folgen.

Einer davon ist Eberhard Rössler aus dem Welzower Wohnbezirk V. Er hat in Gewissheit der kommenden Umsiedlung ein Grundstück in Großräschen gekauft, wo seine Tochter wohnt. "Das verursacht jetzt für mich nur Kosten und Arbeit, mir läuft die Zeit weg", schimpft er. Rössler ist 75.

Rainer Kühn, der in derselben Straße wie Rössler wohnt, ist nur drei Jahre jünger. Kühn hat einen Brief an den Leag-Vorstand geschrieben, um seinem Unmut Luft zu machen. Seit DDR-Zeiten ginge das immer hin und her mit der Kohle, beklagt er: "Jetzt ist Schluss." Es sei unverantwortlich, die Menschen hier so hängen zu lassen. Die andauernde Ungewissheit trifft besonders viele ältere Menschen. Einige hatten sich bereits Plätze für ältere Umsiedler in einer Einrichtung für betreutes Wohnen angesehen. Die sind inzwischen anderweitig vergeben. "Wer hilft uns jetzt?", fragt an diesem Abend eine 80-Jährige.

"Wir können Ihre Ungeduld verstehen", diesen Satz bekamen die Betroffenen an diesem Abend mehrfach zu hören. Von Thomas Penk, Leiter Rekultivierung und Umsiedlungsmanagement bei der Leag. Von Hans-Georg Thiem, Chef des Brandenburger Landesbergamtes, der das Wirtschaftsministerium vertrat und von Klaus Weymanns, Chef der Bergbauplanung. Sie alle waren von der Bürgerinitiative eingeladen worden, um zu erfahren, wie es nun weitergeht.

Doch nur mit Verständnis wollen sich die Umsiedlungsbedrohten in der Warteschleife nicht abfinden. "Wir brauchen jetzt alle denkbare Unterstützung, um die Zeit bis zu einer Entscheidung zu überstehen", so Bianka Scharf, Bäckersfrau und stellvertretende Vorsitzende der Bürgerinitiative. "Wenn man nachts über den Hof geht und den Bagger hört, da weiß man jeden Tag, das Problem bleibt." Gerade das soziale Miteinander müsse erhalten werden, trotz der Belastungen.

Birgit Zuchold (SPD), gerade wiedergewählte Bürgermeisterin von Welzow, versucht den Umsiedlern im Wartestand Mut zu machen: "Investieren Sie in Ihre Grundstücke." Wenn es zur Umsiedlung kommt, werde auch dieser Aufwand entschädigt. Zusammen mit Gebhard Schulz, Vorsitzendem der Bürgerinitiative und anderen Mitgliedern sei eine erste Bestandsaufnahme vorgenommen worden, um eine Liste zu erstellen mit dem, was in Proschim und dem Welzower Wohngebiet V dringend getan werden müsse. "Da darf nicht alles liegen bleiben, es müssen vernünftige Lebensverhältnisse erhalten bleiben", so Schulz.

Unterstützung hatte sich die Bürgerinitiative auch von der Ostbeauftragten der Bundesregierung Iris Gleicke (SPD) erhofft. "Die hatte für uns aber keine Zeit", so Schulz. Am Montag kommt Gleicke in die Lausitz. Dabei trifft sie auch Bürgermeisterin Birgit Zuchold. Die will dort auf besonderen Probleme durch die Hängepartie um den Tagebau Welzow aufmerksam machen.