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Und die Mütter suchten sie

Die „Initiativgruppe Internierungslager Jamlitz“ – ein eingetragener Verein – lädt am Samstag alle ehemaligen Häftlinge zu einer Gedenkveranstaltung ein. Auch die Träger politischer Verantwortung der Region sind laut Einladung willkommen, interessierte Bürger und die Familien der Opfer. Denn gedacht werden soll der rund 4000 Toten des NKWD-Speziallagers Jamlitz. Mit dabei sein wird am Samstag Werner Mieth. Der Tschernitzer, der im Dezember 1945 ins Internierungslager Jamlitz kam, war bereit, der RUNDSCHAU aus seiner Geschichte zu erzählen. Von Annett Igel

Er geht sehr aufrecht, wirkt groß, spricht ruhig und neigt manchmal den Kopf, um besser verstehen zu können. „Als ich im Mai in Ihrer Zeitung unter dem Titel ,Mit 17 kam er ins KZ Buchenwald‘ von Harry Hartung las, weckte sein Schicksal Erinnerungen in mir, denn ich wurde im Alter von 16 Jahren im November 1945 vom NKDW unter fadenscheinigen Begründungen verhaftet und ins Gefängnis nach Cottbus gebracht.“ Er habe gerade eine Tante in Tschernitz besucht, als bei seiner Mutter in Kahren russische Soldaten auftauchten und sie mitnahmen. Nach Stunden wurde sie freigelassen - unter der Maßgabe, dass sich ihr Sohn stellt. „Ich, der noch mehrere kleine Geschwister hatte, die die Mutter nicht entbehren konnten, meldete mich.“ Ihm sei Waffenbesitz vorgeworfen worden. Zu Unrecht. „Nach drei Wochen im Cottbuser Gefängnis kam ich ins Speziallager nach Jamlitz und über das Speziallager in Mühlberg nach Buchenwald.“

1947 kamen die ersten Jamlitzer
Nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und dem Abzug der amerikanische Besatzer aus Thüringen nutzten die sowjetischen Besatzer das bisherige KZ als „Speziallager Nr. 2“ des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Nationalsozialisten und vermeintliche Kriegsverbrecher, Mitläufer und Jugendliche, die der „Werwolf“ -Tätigkeit verdächtigt wurden, wurden interniert. Die ersten Gefangenen kamen aus thüringischen Städten wie Arnstadt, Jena, Erfurt und Weimar ins Lager, 1946 dann 4000 Häftlinge aus dem Lager Landsberg und im April 1947 noch einmal über 4000 Häftlinge aus dem inzwischen aufgelösten Lager in Jamlitz - so ist es auch in der Geschichte der heutigen Gedenkstätte Buchenwald festgeschrieben.
Werner Mieth kam 1948 nach Buchenwald. Ein Jahr, nachdem seine Mutter eine vorzeitige Entlassung ihres Sohnes aus der Gefangenschaft beantragt hatte. Sie schrieb an Herrn Jung von der Zentralverwaltung für Arbeit und Sozialfürsorge in Berlin: „Mein Sohn Werner Mieth, geb. am 7. 5. 29 in Tschernitz, wurde am 22. 11. 1945 von der GPU aus seiner Wohnung in Kahren Nr. 138 a abgeholt. Grund: Er ist zum Volkssturm eingeteilt worden, hat aber nicht mitgekämpft, sondern kam schon nach 2 Tagen wieder nach Hause, hat also die Flucht ergriffen. Sein Aufenthaltsort ist nicht bekannt, ich habe bisher noch keine Nachricht erhalten. Sollte es Ihnen möglich sein, den Aufenthalt meines Sohnes ausfindig zu machen, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Vielleicht könnte dann auch eine vorzeitige Entlassung erwirkt werden. Ich bin mit meinen vier kleinen Kindern allein, habe keinen Verdiener und die Unterstützung, die ich durch meinen Sohn hätte, wäre dringend notwendig. Meine Ehemann ist im Mai 1946 verstorben. Ich befinde mich in großer Not und bitte sehr um Ihre Hilfe. Mein Mann und ich waren nicht Mitglieder der NSDAP. Auch mein Sohn war nur zwangsweise in der HJ. Hat sich aber politisch nicht beteiligt, er war nur nominelles Mitglied.“ Der damalige Gemeindevorsteher von Kahren hatte der Mutter die Richtigkeit der Angaben bescheinigt, und das Schreiben bekam am 28. April 1947 einen Eingangsstempel aufgedrückt.
Werner Mieth bekam in Buchenwald die Häftlingsnummer 32319. Als Haftgrund wird in seinen Unterlagen aus Buchenwald „Werwolf“ angeführt. „Unrecht und Willkür fanden nach viereinhalbjähriger Haftzeit mit der Auflösung des Lagers im Februar 1950 ein Ende“ , sagt Mieth und zeigt den Auszug aus dem Journal des NKWD/MWD-Speziallagers Buchenwald über ihn, den er vor elf Jahren zugeschickt bekommen hatte. „Aufgrund meiner Erlebnisse während der Lagerzeit kann ich mitfühlen, was unschuldige Menschen in den Konzentrationslagern der Nazi-Zeit erleiden mussten. Man sollte meines Erachtens die unschuldigen Opfer der Nazi-Zeit (1936 bis 1945) sowie der sowjetischen Speziallager (1945 bis 1950) in einem Atemzug nennen dürfen und auch derer gedenken. Der oft zitierte Opfer-Täter-Vergleich ist bei weitem nicht immer gerechtfertigt“ , sagt Werner Mieth.
Und er erinnert sich: Der Tag habe stets mit dem Wecken begonnen. Rund 200 Leute seien in einer Doppelbaracke untergebracht gewesen. Über drei Etagen verliefen die zwei Meter breiten Bettenbuchten. Auf jeder Ebene schliefen vier Mann. Der kalte Winter 1945 /46. „Eine Stunde lang durfte morgens der Ofen geheizt werden, und es dauerte, bis er wärmte und kaum war die Stunde um, sollte er auch schon wieder kalt sein.“ Allein zur Toilette - das habe es nicht gegeben, mindestens zehn Mann mussten müssen, dann sei es gemeinsam zu den zentralen Toiletten gegangen. Während der Revierreinigung galt es, die Ritzen auszukratzen im Kampf gegen Läuse, Wanzen, Flöhe. Langes Zählen auf dem Lagerplatz, Fegen des Platzes mit Kiefernzweigen. Dann wieder ein Vor-sich-hin-Vegetieren. „Glück hatte, wer Arbeit hatte im Lager“ .
Nein, auch das bestätigen die Geschichtsschreiber, Buchenwald war nach 1945 kein Arbeitslager. Das Fehlen von Beschäftigung gilt als besonderes Merkmal der Speziallager des NKWD. Die Beschäftigungslosigkeit zermürbte. Sie seien völlig isoliert von der Außenwelt gewesen. Dass die Angehörigen nichts von ihrem Verbleib wussten, habe die Häftlinge zusätzlich belastet, sagte Mieth. Er hatte Glück und zeitweise Arbeit in Buchenwald, musste beispielsweise den Operationssaal reinigen.
Und die Versorgung„ Morgens habe es in Jamlitz einen halben Liter Graupengrütze gegeben, vormittags Brot, mittags dann drei Viertel Liter Essen und 600 Gramm frisches Brot. Doch die Frische sei kein Segen gewesen, erklärte Mieth. 600 Gramm älteres, trockeneres Brot hätten etwas mehr Hunger gestillt. Und Kaffe - „schreiben Sie ihn wirklich nur mit einem e“ - den gab es auch. Im Herbst 1946 seien dann die Rationen gekürzt worden. Nur noch 300 Gramm Brot, weniger und dünneres Essen - was auch eine größere Todesrate zur Folge hatte. „Dass wir zur Entlassung relativ gut genährt aussahen, lag an der Hefe, die sie uns gegen Ende in Buchenwald gegeben hatten“ , erinnert sich Werner Mieth.

Still durch die DDR-Zeit
In seinem Heimatort Tschernitz sei der 20-Jährige nach der Entlassung gut empfangen worden. „Ich bekam jede Menge Einladungen.“ Wie er in der DDR-Zeit mit den viereinhalb Jahren umgehen konnte“ Still. Nicht einmal seiner Frau, die er dann fand, habe er vom Lager erzählt. Als er mit ihr und dem Sohn die Gedenkstätte Buchenwald besuchte, hörte er eine Weile bei einer Führung zu - und es tat ihm weh, dass seine Zeit im Lager überhaupt nicht erwähnt wurde. „Wie hatte es doch schon Ringelnatz formuliert: ,Und daraus schließt es messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf‘.“ Erst als der Hessische Rundfunk ihn interviewte für die Sendung „Wer starb in Fünfeichen“ und seine Frau etwas abseits mit einer Moderatorin saß, rutschte sie plötzlich schockiert zusammen. Nein, das habe sie alles nicht gewusst. Und heute? „Heute fährt sie mit zu den Treffen.“ Nach Buchenwald, nach Jamlitz. Viele seiner ehemaligen Mit-Häftlinge seien inzwischen gestorben. Sein bester Freund aus Jamlitzer Tagen, der auch Werner hieß und später in Cottbus-Sachsendorf lebte, starb vor zwei Jahren. Also versucht Mieth als einer der immer weniger werdenden Überlebenden aufzuklären, wann immer er gefragt wird. Und zu helfen. Für eine Berlinerin, die ihren 1945 verschollenen Vater suchte, fand er den Namen des Vaters im „Totenbuch von Buchenwald“ und gab der Tochter wenigstens eine Gewissheit.

Hintergrund Am Samstag in Jamlitz
  Am Samstag, 9. September, wird zum 17. Mal an die Leiden und den Tod der in Jamlitz eingekerkerten Frauen, Jugendlichen und Männer gedacht. Nachdem im vergangenen Jahr Ministerpräsident Matthias Platzeck die Worte des Gedenkens vor 400 Besuchern der Veranstaltung sprach, wird in diesem Jahr der Präsident des brandenburgischen Landtags, Gunter Fritsch, die Gedenkrede halten. Um 11 Uhr wird zum Gedenkgottesdienst in der Evangelischen Landkirche am Markt im Lieberose eingeladen. Um 14 Uhr beginnt die Gedenkveranstaltung an den Massengräbern auf dem Waldfriedhof Jamlitz.
Weiterführenden Literatur zum Thema veröffentlichten Andreas Weigel „Umschulungslager existieren nicht“ , Ernst-E. Klotz „So nah der Heimat“ , die Gemeindeverwaltung Jamlitz „Wege ins Ungewisse - Stätte des Leidens“ , Ursula Fischer „Zum Schweigen verurteilt“ , „Von der Last des Schweigens“ und „Im eigenen Land verschollen“ sowie Waltraut Skoddow „Zu keinem ein Wort“ .