Die Treppe hinauf läuft Paul Wernitz, vorbei an den Schautafeln, die Auskunft zur Geschichte des Dorfes geben. Sie erinnern an das Rittergut, das sich im Jahr 1500 im Besitz der Familie von Berge befand, an die Gründung des Glaswerks im Jahr 1829 und an den Schulbetrieb im roten Backsteingebäude. Als Paul Wernitz die letzte Stufe erklommen hat, will er die Tür zur Heimatstube aufschließen. Doch sein Schlüssel passt nicht mehr.

Der 76-Jährige leitete den Heimatverein "Föhrenfließ", bis dieser sich vor knapp einem Jahr auflöste. Wie bei so vielen Vereinen, die sich mit der Geschichte ihrer Region befassen, fehlte es am Ende an Unterstützung: So sagt es Paul Wernitz. Er selbst erforscht die Historie von Tschernitz weiter, wie bisher aus eigener Tasche. "Jeder Besuch in einem Archiv kostet Geld", erklärt er. Die Begeisterung scheint ihn nicht loszulassen. So kann er in farbigen Details aus dem Leben des Tschernitzer Nazi-Gegners Erich Melzer erzählen, der im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert wurde. Für ihn ließ Paul Wernitz im Jahr 2012 eine Gedenktafel an dessen Geburtshaus anbringen. "Dabei haben mich immerhin seine Angehörigen finanziell unterstützt, die heute im kanadischen Vancouver leben", berichtet er.

Nun raubt ihm ein Gerücht die Ruhe, von dem er nach eigenen Worten "durch die Hintertür" erfuhr. Angeblich soll die Heimatstube ausgeräumt und geschlossen werden. So hätten es die Gemeindevertreter vereinbart. Ein Klassenraum der Schule befand sich einst dort, wo der frühere Heimatverein seine Exponate untergebracht hat. Nun, so fürchtet Paul Wernitz, würde eine "der letzten identitätsstiftenden Einrichtungen" im Dorf zerschlagen. Der Austausch des Schlosses an der Heimatstube dient ihm als Indiz dafür, dass genau dies passieren wird.

Allerdings widerspricht Bürgermeister Peter Drobig dieser Version der Geschichte vehement. "Das stimmt so nicht", erklärt er. "Da sich der Verein aufgelöst hat, müssen wir die Heimatstube samt ihren Exponaten sichern." Nur diese Absicht gelte als Grund für das ausgetauschte Schloss. "Wir suchen nun nach jemandem, der die Heimatstube im Ehrenamt weiterführt", erläutert der Bürgermeister. "Aufgelöst wird sie auf gar keinen Fall."

Ähnlich äußert sich der Gemeindevertreter Ekkart Herold, der im Nachbardorf Wolfshain lebt. "Wir haben uns vorgenommen, die Heimatstube zu erhalten", sagt er. "Es ist ohnehin schon traurig genug, wie viel überall aus der alten Zeit verloren geht." So erzählt Ekkart Herold davon, wie er und seine Frau einst als junges Ehepaar ihre Wäsche noch im Kessel kochten. "Waschmaschinen waren für uns unerschwinglich, aber die meisten jungen Leute können sich dieses Leben damals gar nicht mehr vorstellen." Immer schwieriger werde es, die Erinnerung an die Geschichte der Dörfer am Leben zu halten, zumal es vielen Gemeinden am Geld fehle, um jemand für die Pflege einer solchen Chronik zu bezahlen. Trotzdem beteuert Ekkart Herold: "Wir bemühen uns darum, ein schlüssiges Konzept für die Heimatstube zu finden."

Der ehemalige Vereinsvorsitzende Paul Wernitz traut dem Frieden jedoch nicht - offenbar aufgrund enttäuschender Erfahrungen. "Eine handgeschriebene Schulchronik von mir ist mal verschwunden und später auf dem Schrottplatz gelandet." Nur durch Zufall habe er selbst sie aufgespürt und letztlich gerettet. "Diese Chronik liegt jetzt hier, hinter der verschlossenen Tür, die ich nicht mehr öffnen kann."

Zum Thema:
Der Heimatverein wurde nach Angaben der damaligen Mitglieder am 12. September 2003 gegründet und am 4. März 2004 in das Vereinsregister des Amtsgerichts Cottbus eingetragen. Sein Zweck war die Förderung und Pflege der Heimatkultur. So widmete er sich der Aufgabe, heimatkundliche Sammlungen zu archivieren und zu pflegen. Seinen Namen hatte er vom Föhrenfließ, einem kleinen Nebenfluss der Neiße, 10,8 Kilometer lang, mit beachtlicher Fließgeschwindigkeit. Bereits im Mittelalter wurde sein Wasser zum Antrieb von Mühlen genutzt.