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| 02:49 Uhr

Trotz eines Freispruchs bleibt oft etwas hängen

Spremberg. Ein Angeklagter wird freigesprochen – doch als unschuldig gilt er für viele Menschen noch lange nicht. Mit dieser Erfahrung lebt der 24-jährige Sebastian S. aus Spremberg, der wegen vermeintlicher Brandstiftung in Untersuchungshaft saß. René Wappler

Ausbildungsplatz in Gefahr, Freunde wenden sich ab, Handschellen klicken. Sebastian S. erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er seine Untersuchungshaft antrat. "Um 11.45 Uhr wurde ich auf Arbeit abgeholt, dann führten mich die Beamten dem Haftrichter vor, und schließlich kam ich in die Justizvollzugsanstalt nach Dissenchen, durch die Schleusen, in eine Kammer, wo ich mich komplett entkleiden musste und einen blauen Pullover und eine graue Hose bekam."

Dann der Weg in die Einzelzelle. Bett, Schrank, Tisch, Stuhl, zwei Mal vier Meter. Dringender Tatverdacht, sieben Monate Gefängnis. An denen auch der Freispruch des Cottbuser Landgerichts nichts mehr ändern wird, den Pressesprecher Frank Merker in der vergangenen Woche verkündete: Die Kammer konnte sich demnach im zweijährigen Prozess nicht davon überzeugen, dass Sebastian S. für das Anzünden mehrerer Postautos und einer Gartenlaube in der Nacht zum 11. Juni 2011 verantwortlich ist. Es gebe zwar Indizien, die anhand der Spuren auf den Angeklagten hinweisen, aber zugleich reiche die Spurenlage nicht für eine Verurteilung aus.

Sebastian S. weiß, dass diese Begründung des Freispruchs die Spekulationen nicht beenden wird. Er selbst beteuert seine Unschuld. Und er erzählt: "Viele Leute sagen, du bist zwar freigesprochen, aber für mich bleibst du der Täter."

Viele Fragen bleiben offen, nicht nur die nach der tatsächlichen Täterschaft in der Brandnacht. Im Schriftstück eines Disziplinarverfahrens der Spremberger Feuerwehr gegen ihr früheres Mitglied Sebastian S. heißt es: "Durch sein Auftreten in der Öffentlichkeit, insbesondere aus Anlass von politischen Aktionen, welche dem Spektrum der radikalen Linken zuzuordnen sind, wird das Ansehen der Freiwilligen Feuerwehr Spremberg äußerst negativ beeinflusst." So habe er bei einer Antifa-Demonstration im Jahr 2011 gegen das Vermummungsverbot verstoßen. "Bis heute bin ich von der Arbeit bei der Feuerwehr suspendiert", sagt Sebastian S., der manchen Aussagen aus dem Disziplinarverfahren widerspricht - zum Beispiel dem Vorwurf, er habe im März 2011 versucht, einen Informationsstand der NPD zu stören.

Der junge Mann aus Spremberg zieht ein bitteres Fazit. "Irgendwann kriegt man echt Frust auf den ganzen Mist, der über einen erzählt wird", sagt er. "Diese ganzen Angriffe auf mich als Person, das war alles ziemlich heftig." Zugleich glaubt er, etwas gelernt zu haben: Die alltägliche Freiheit, über die sich viele Menschen gar keine Gedanken machen, die bewerte er nach den Monaten in der Untersuchungshaft nicht mehr als selbstverständlich. Im August will Sebastian S. seine Ausbildung beenden. Immerhin, sagt er, habe ihn sein Chef während der ganzen Zeit nicht fallen lassen.