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| 12:38 Uhr

Spremberg
Sulfat überholt Eisenschlamm

Die Spree auf dem Weg von der Vorsperre in Bühlow zur der Hauptsperre mit Flora-Fauna-Habitat und Naturschutzgebiet.
Die Spree auf dem Weg von der Vorsperre in Bühlow zur der Hauptsperre mit Flora-Fauna-Habitat und Naturschutzgebiet. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Talsperre braucht für Eisen-Rückhalt mindestens zehn Millionen Kubikmeter Wasser. Von Annett Igel-Allzeit

Was der Regen am Freitag der Spree und der Talsperre Spremberg gebracht hat, erfährt zuerst in dieser Woche die länderübergreifende Arbeitsgruppe Flussgebietsbewirtschaftung Spree, Schwarze Elster, Lausitzer Neiße. Seit der Krisensitzung im August packt der Freistaat Sachsen auf die 20 Millionen Kubikmeter Wasser aus den Talsperren Bautzen und Quitzdorf drei Millionen Kubikmeter drauf. Aus den Speichern Lohsa II und Bärwalde fließen 3,6 Millionen Kubikmeter in die Spree. Nur stark sulfathaltiges Wasser aus dem Tagebau Nochten wird gedrosselt. Die Talsperre Spremberg selbst gibt 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser ab. Zu wenig, sagt Benjamin Raschke von den Bündnisgrünen im Landtag: In Trockenzeiten könnte mehr Wasser durch die Talsperre bereitgestellt werden, wenn der alte Eisenhydroxid-Schlamm aus der Hauptsperre geräumt würde.

Tatsächlich ist die Spremberger Talsperre – seit 1965 in Betrieb – noch nie entschlammt worden. Wie Hans-Joachim Wersin-Sielaff, Pressesprecher des Ministeriums für ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL) bestätigt, gibt es auch keinerlei Pläne dazu. „Im Bereich des Flora-Fauna-Habitats und Naturschutzgebietes könnte eine Räumung sogar negative Auswirkungen auf die Biozönose haben“, sagt er.

Die Talsperre Spremberg hat einen Gesamtstauraum von etwa 42 Millionen Kubikmetern. Sie, so der Sprecher, teilten sich auf in 18 Millionen Kubikmeter Hochwasser-Rückhalteraum, 21 Millionen Kubikmeter Betriebsraum und drei Millionen Kubikmeter Reserveraum. „21 Millionen Kubikmeter Wasser sind im Betriebsraum, wenn wir von 92 Metern über Normalnull sprechen“, erklärt er. Das Dresdner Institut für Wasser und Boden (IWB) ermittelte 2013 einen Sedimentzuwachs von etwa 16 Millimetern pro Jahr. „Zudem unterliegen die Frischsedimente einer Alterung, die die Mächtigkeit der Ablagerung mit der Zeit reduziert“, so Hans-Joachim Wersin-Sielaff.

Der natürliche Eisenschlamm-Rückhalt in der Vorsperre Bühlow, die nun ständig entschlammt wird, lag zwischen 41 bis 47 Prozent. Seit der Bekalkung in Spremberg-Wilhemsthal und der Flockungsmittelzugabe am Vorsperren-Eingang wird ein Rückhalt von 48 bis 63 Prozent erreicht. Weniger Eisenschlamm landet deshalb in der Hauptsperre, aber sie bleibt wichtig für den Rückhalt. Für den optimalen Eisenschlamm-Rückhalt in der Hauptsperre haben die Gutachter eine sommerliche Verweilzeit des Wassers von 14 Tagen empfohlen, im Winter 20 Tagen. Dabei sei zu vermeiden, dass die Talsperre im Sommer auf unter zehn und im Winter auf unter 15 Millionen Kubikmeter Wasser entleert wird. „Gegenwärtig liegen die Wasserstände der Hauptsperre bei 90 Meter über Normalnull – das entspricht dem Speicherinhalt von 12,5 Millionen Kubikmetern“, sagt Wersin-Sielaff.

Bei Hochwasser verkürze sich die Verweilzeit, der Eisenschlamm-Rückhalt funktioniere dann nicht gut. Aber die Eisenkonzentration werde verdünnt, Das befürchtete Aufwirbeln des abgelagerten Schlamms sei bei den bisherigen Hochwassern in der Talsperre nie beobachtet worden. „Die Sedimente bestehen zu 55 Prozent aus mineralischen Anteilen, zu 30 Prozent aus Eisenhydroxid und zu 15 Prozent aus organischen Stoffen. Sie haben eine höhere Dichte als reine Eisenhydroxid-Schlämme und lagern sich gut am Grund ab.“ Zudem, so der MLUL-Sprecher, sei die Fließgeschwindigkeit in der Talsperre stets geringer als in der Spree. „Die Schleppspannung scheint hier nicht auszureichen, um die Schlämme aufzuwirbeln“, so Wersin-.Sielaff.

Dass die Eisen-gesamt-Konzentration im Sommer oft niedrig ausfällt, der Fluss aber brauner wirkt, habe mit der Wärme und der Fließgeschwindigkeit zu tun. Dr. Wilfried Uhlmann (IWB) erklärt das Phänomen im Jahresbericht zur Spree 2017: Wärme beschleunigt die Oxidation von Eisen, die Spree fließt langsamer, das Eisenhydroxid lagert sich schon im Fluss ab.

Mehr Sorgen bereitet die Sulfatkonzentration. Im August wurden in Spremberg-Wilhelmsthal 460 Milligramm pro Liter gemessen. Das zwang das Umweltministerium, den maximalen Sulfatwert von 450 auf 500 Milligramm anzuheben – für zunächst sechs Wochen. Für Heide Schinowsky von den Bündnisgrünen ein Alarmzeichen: „Vorrangig auf die Verdünnung der belasteten Spree mit Frischwasser zu setzen, reicht in Zeiten von verstärkten Extremwettersituationen nicht aus.“ Der Sulfatwert sinkt bis zum Wasserwerk Briesen. Dort muss schon seit Jahren mehr getan werden, um bei 200 Milligramm pro Liter zu landen. Fürs Trinkwasser gilt der Grenzwert 250 Milligramm. Laut MLUL kann beim Sulfatgehalt von 500 Milligramm Durchfall bei Säuglingen auftreten.

Das Kanu-Objekt am Stausee Spremberg wirkt mal wieder trocken und verwaist.
Das Kanu-Objekt am Stausee Spremberg wirkt mal wieder trocken und verwaist. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit