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| 12:37 Uhr

Konferenz erinnert an Landesarchivar
Historiker tagten im Schloss

Michael Gockel (l.) und Klaus Neitmann präsentieren das Buch mit den Lehmannschen Tagebuch-Einträgen, die durch diverse, von den Autoren eingefügten Erklärungen noch verständlicher wirken.
Michael Gockel (l.) und Klaus Neitmann präsentieren das Buch mit den Lehmannschen Tagebuch-Einträgen, die durch diverse, von den Autoren eingefügten Erklärungen noch verständlicher wirken. FOTO: LR / Torsten Richter-Zippack
Spremberg. Tagebücher des Geschichtsschreibers Rudolf Lehmann wurden in Spremberg präsentiert.

Der Name Rudolf Lehmann ist in der Niederlausitz wohl jedem Historiker und Heimatforscher bekannt. Schließlich gilt Lehmann (1891-1984) als Nestor der regionalen Geschichtsschreibung. Während der Herbsttagung der Niederlausitzer Gesellschaft für Geschichte und Landeskunde im Spremberger Schloss haben die Autoren Dr. Michael Gockel und Prof. Klaus Neitmann erstmals öffentlichen Einblick in die Tagebücher des einstigen Lübbener Landesarchivars gewährt. Denn das 570 Seiten starke Buch mit dem Titel „Rudolf Lehmann, ein bürgerlicher Historiker und Archivar am Rande der DDR“ ist erst Anfang November im Rahmen der Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs erschienen. Dessen Direktor Klaus Neitmann sowie Michael Gockel, ehemaliger Oberrat am Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg, haben die persönlichen Aufzeichnungen Rudolf Lehmanns studiert, die über mehrere Jahrzehnte reichen. Insgesamt, so sagt Neitmann, existieren 66 Tagebuch-Kladden. Die beiden Historiker konzentrierten sich dabei auf den Zeitraum von 1945 bis 1964. „Das war der schaffensreichste Lebensabschnitt Lehmanns“, begründet Klaus Neitmann diese Entscheidung. „Und einer der spannendsten“, ergänzt Michael Gockel. Denn Rudolf Lehmann, das belegen dessen Tagebücher, fühlte sich vom Einzug der kommunistischen Diktatur innerhalb der sowjetischen Besatzungszone abgestoßen. „Seine Tagebucheinträge erhellen das Innenleben der DDR aus der Sicht eines scharf urteilenden bürgerlichen Oppositionellen“, erklärt Klaus Neitmann.

Lehmann war seit dem Jahr 1949 Leiter des Lübbener Landesarchivs. Er kümmerte sich aus tiefer innerer Überzeugung heraus unter anderem um die Rettung des im deutschen Schicksalsjahr 1945 herrenlos gewordenen adligen Archivgutes der Region. Besondere Verdienste erwarb sich Rudolf Lehmann dabei vor allem in den Schlössern zu Lieberose, Lübbenau, Sonnewalde und Straupitz. So ist in den Tagebüchern nachzulesen, wie der Landesarchivar im Mai 1950 nach Lieberose reiste, um die im dortigen, stark kriegsbeschädigten Schloss verbliebene Akten der Herren von der Schulenburg zu sichten. Da seine Behörde über kein eigenes Fahrzeug verfügte, war Lehmann auf private Fuhrunternehmer angewiesen, die die Archivalien nach Lübben transportierten.

Das Jahr 1964 als Endpunkt der Lehmannschen Tagebuchaufzeichnungen für ihr neues Buch haben Michael Gockel und Klaus Neitmann indes nicht willkürlich gewählt. Denn damals siedelte der Nestor der Niederlausitzer Geschichtsschreibung ins hessische Marburg über, wo er im freien Teil Deutschlands seine Forschungen weiter betreiben konnte. „Ich habe Rudolf Lehmann als bescheidenen, selbstbewussten und sehr lebendigen Menschen kennengelernt. Er war darüber hinaus ein großer Wanderer und Zeichner“, erinnert sich Michael Gockel. An Lehmann, der im Jahr 1984 in Marburg verstarb, erinnert in der hessischen Universitätsstadt allerdings kaum noch etwas. Sein Grab existiert nicht mehr. Michael Gockel kann sich aber noch an den Grabstein erinnern, der neben dem Titel „Landesarchivar“ auch das Niederlausitzer Wappen enthielt. Lehmanns Nachlass befindet sich inzwischen im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam. Dort sollen bald auch die 66 Tagebuch-Kladden eine Heimat finden. Eine Kladde gilt jedoch als verschollen. Dabei handelt es sich um die Jahre 1946 bis 1948. „Selbst seine Frau hatte nach seinem Tod nach diesen Aufzeichnungen gesucht. Leider ergebnislos“, sagt Klaus Neitmann.

Das neue Buch „Rudolf Lehmann, ein bürgerlicher Historiker und Archivar am Rande der DDR“ ist im Berliner Wissenschaftsverlag erschienen und ab sofort im Handel erhältlich. Es kostet 79 Euro.