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| 02:48 Uhr

Strittmatter-Lob steht neben Kritik

Renate Brucke vom Strittmatterverein sagt: "Tatsächlich hat Strittmatter selbst die kritischen Aspekte seines Lebens eher ausgespart." Das Buch soll nach ihren Worten einen Beitrag dazu leisten, allen Seiten des Schriftstellers und der Privatperson gerecht zu werden.
Renate Brucke vom Strittmatterverein sagt: "Tatsächlich hat Strittmatter selbst die kritischen Aspekte seines Lebens eher ausgespart." Das Buch soll nach ihren Worten einen Beitrag dazu leisten, allen Seiten des Schriftstellers und der Privatperson gerecht zu werden. FOTO: René Wappler
Spremberg. Ob das Werk eines Schriftstellers losgelöst von seiner Biografie existiert: Diese Frage brennt wieder mit dem Tod von Hermann Kant auf - und sie beschäftigt die Mitglieder des Strittmatter-Vereins, der ein Buch unter dem Titel "Von Bohsdorf nach Schulzenhof" veröffentlicht hat. René Wappler

Der 14. August. An diesem Tag im Jahr 1912 kam Erwin Strittmatter zur Welt, an diesem Tag im Jahr 2016 starb Hermann Kant, einst Präsident des Schriftstellerverbandes der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Beide Schriftsteller verbanden neben der Treue zum DDR-Regime, in die sich selten kritische Töne mischten, auch private Kontakte. In seinen Tagebüchern berichtet der Spremberger Autor Strittmatter, dass ihm Hermann Kant am Telefon "Totalschaden" in seiner Ehe beichtete, dass er den dritten Teil vom "Wundertäter" und den "Laden" lobte.

Auch die Vorsitzende des Strittmatter-Vereins, Renate Brucke, lernte Hermann Kant persönlich kennen, im Jahr 2009, bezeichnenderweise bei einer Lesung von Eva Strittmatter. "Dort waren wir allerdings nur Zuhörer", sagt Renate Brucke.

Eine aktive Rolle nimmt sie gemeinsam mit Matthias Stark als Herausgeber-Duo eines Buches ein, das Aufsätze, Interviews und Essays vereint: "Von Bohsdorf nach Schulzenhof", heißt es, und sein Untertitel lautet: "Auf den Spuren von Eva und Erwin Strittmatter". Als einen "ideologisch Verblendeten" beschreibt der Autor Benjamin Voß in seinem Beitrag Erwin Strittmatter, als einen Menschen, der nicht davor zurückgeschreckt habe, Freunde wie den Spremberger Schriftsteller Peter Jokostra zu verraten. "Der Stellenwert, den sein Werk besitzt, ist beachtlich, und diesen kulturellen Wert wird es niemals verlieren", lautet das Fazit von Benjamin Voß. Die Sicht auf den Menschen Strittmatter müsse "sich aber wandeln dürfen".

Auch hier zeigen sich Parallelen zu Hermann Kant, der Informationen über den westdeutschen Kollegen Günter Grass an die Staatssicherheit weitergab. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Lengsfeld erklärte am Sonntag kurz nach Kants Tod: Sein Werk könne "nicht vom unsäglichen Wirken als SED-Funktionär getrennt werden".

Ähnlich äußerten sich Stadtverordnete aus Spremberg im Jahr 2012, als sie über die Frage stritten, ob Erwin Strittmatter eine öffentliche Ehrung seitens des Rathauses verdient habe. Mit Blick auf die Spitzel-Berichte des Schriftstellers für die Staatssicherheit sagte der damalige CDU-Fraktionschef Hartmut Höhna: Strittmatter möge vielleicht ein überragender Schriftsteller gewesen sein - nicht jedoch ein überragender Mensch.

Zwar bezieht sich die Enkeltochter des Autoren, Judka Strittmatter, in ihrem Beitrag für das Buch "Von Bohsdorf nach Schulzenhof" vor allem auf den Familienmenschen. Doch auch sie lässt sich nicht zu einer Hymne auf ihn hinreißen. "Keine grenzenlose Güte, kein heiserer Witz", schreibt sie. "Jedenfalls nicht für mich." Es gefalle ihr, wie er schreibt - doch zugleich sei es ihr immer sklavisch erschienen, "ihm zu huldigen".

Renate Brucke vom Strittmatter-Verein sagt über das Buch: "Auf der einen Seite enthält es Loblieder auf das Schriftsteller-Ehepaar Eva und Erwin, auf der anderen Seite wollten wir kritische Töne aufnehmen." Als Beispiele hebt sie die Texte von Judka Strittmatter, Klaus Krause und Benjamin Voß hervor, die sich schonungslos mit Strittmatter auseinandersetzen.

Zu den Lobliedern gehört wiederum "Eine Laudatio auf Ole" vom Spremberger CDU-Altbürgermeister Egon Wochatz. Er führt den Roman "Ole Bienkopp" als Indiz dafür an, dass Strittmatter durchaus Zivilcourage gezeigt habe, anhand eines Zitats, das die Staatsführung kritisiert: "Ich stell mir die Partei bescheidener vor, geneigter, zuzuhören, was man liebt und fürchtet. Ist die Partei ein selbstgefälliger Gott?" So empfiehlt Egon Wochatz jüngeren Lesern die Lektüre von "Ole Bienkopp": Der Roman helfe, die DDR besser zu verstehen.

Zum Thema:
Das Buch "Von Bohsdorf nach Schulzenhof - Auf den Spuren von Eva und Erwin Strittmatter" (13 Euro, ISBN 978-3-936203-28-8), herausgegeben von Renate Brucke und Matthias Stark, ist bei der Schütze-Engler-Weber-Verlags GbR Dresden erschienen. Es enthält ungefähr 50 Beiträge von Literaturfreunden, die von ihren Begegnungen mit dem Schriftsteller-Ehepaar berichten und das Werk einordnen.