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Strittmatter-Biografin Annette Leo empfiehlt „Auseinandersetzung“ statt „Festakt“

Großer Andrang herrschte bei der Jahresversammlung des Erwin-Strittmatter-Vereins in Spremberg, zu der die Historikerin Annette Leo eingeladen war. Foto: Enzian
Großer Andrang herrschte bei der Jahresversammlung des Erwin-Strittmatter-Vereins in Spremberg, zu der die Historikerin Annette Leo eingeladen war. Foto: Enzian FOTO: Enzian
Spremberg. Die Jahresversammlung des Erwin-Strittmatter-Vereins in Spremberg am Samstag stand ganz im Zeichen der Debatte um den 100. Geburtstag des Schriftstellers. „Auseinandersetzung“ statt „Ehrung oder Festakt“ empfahl Biografin Annette Leo. Von Felix Johannes Enzian

Klein und zierlich verschwindet Annette Leo fast hinter dem Rednerpult. Fernsehkameras und Mikrofone sind auf sie gerichtet. Die Stimmung in der bis zum letzten Platz gefüllten Aula des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums ist angespannt. Verehrer und Kritiker des prominenten Lausitzer Dichters und Spremberger Ehrenbürgers haben sich versammelt, erhoffen von der Rednerin Argumente, die ihre eigene Meinung stützen. Soll Strittmatter anlässlich seines 100. Geburtstags im kommenden August posthum offiziell gewürdigt werden oder nicht? Diese Frage spaltet und bewegt seit Monaten die Stadt.

Die 1948 geborene Berlinerin Annette Leo betont ihren Standpunkt als unparteiliche Historikerin: Sie arbeite „ohne Zorn und Eifer, mit dem Wunsch zu verstehen“ an einer neuen Biografie über Erwin Strittmatter (1912-1994). Sie hoffe, dass ihr Buch, das im Sommer im Aufbau-Verlag erscheinen soll, „im Gesamtkontext ein gerechtes Bild“ des Schriftstellers zeige.

Worum es im Streitfall Strittmatter geht, macht Annette Leo ihren Zuhörern sehr deutlich: Als Angehöriger der nationalsozialistischen Ordnungspolizei habe er in Slowenien und Griechenland an einem Krieg gegen die Zivilbevölkerung mitgewirkt. Später habe er zwischen 1959 und 1961 mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet. In der moralischen Wahrnehmung vieler Menschen wögen diese Informationen „hinter dem Rücken“ schwerer als Strittmatters offizielles Engagement für das SED-Regime innerhalb der Partei und im Schriftstellerverband. Es trete hier „das Moment des Verrates“ hinzu.

Und ebenso schwer wie die erst nach Strittmatters Tod bekannt gewordenen Details seiner Biografie, wiege vielleicht sein „Umdeuten und Schweigen“ über seine Kriegs- und Stasiverstrickungen.

Annette Leo stellt auch fest, dass Strittmatter sich zunehmend von der SED-Linie distanziert und zurückgezogen habe. Ein moralisches Urteil über seine Biografie fällt die Wissenschaftlerin nicht, stattdessen erläutert sie den Sachstand der Forschung. Eine mögliche persönliche Beteiligung Strittmatters an Kriegsverbrechen sei auch durch ihre exklusive Recherche in seinen nachgelassenen Briefen und Aufzeichnungen aus den NS-Jahren nicht bestätigt worden. Neue Erkenntnisse über Strittmatters „Haltung und ihre Wandlungen“, als er freiwillig in den Krieg zog, will die Historikerin erst mit Erscheinen des Buches öffentlich machen.

Ihre Meinung zur Spremberger Debatte gibt Annette Leo jedoch ab: Sie empfiehlt, das Gedenken an den „vermutlich berühmtesten Sohn der Stadt“ nicht unter der Überschrift „Ehrung oder Festakt“, sondern „Auseinandersetzung“ abzuhalten. Sprembergs Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU) sieht sich durch die Rednerin in seiner Haltung bestätigt. Eine „kritische Auseinandersetzung“ fordert er bei der Publikumsdebatte und kündigt an, im Stadtparlament den Plan einer Expertendiskussion als Geburtstagsveranstaltung durchsetzen zu wollen. Kürzlich hat der Hauptausschuss eine offizielle Feier bereits abgelehnt.

Ob dies die überwiegende Meinung in der Bürgerschaft wiedergibt, ist allerdings nicht sicher. In der Spremberger Aula kochen die Emotionen hoch.

Hedwig Jordan aus Schwarze Pumpe weist darauf hin, dass in diesem Jahr Preußenkönig Friedrich der Große gefeiert werde, obwohl er Tausende von Soldaten in den Tod geschickt habe. Warum dann nicht auch eine Ehrung für Strittmatter? Großer Applaus. Einige Zuhörer schütteln der 77-Jährigen dankbar die Hand. Der Höhepunkt der örtlichen Streitigkeiten um den Schriftsteller steht vermutlich noch bevor. Am morgigen Dienstag jährt sich der Todestag Erwin Strittmatters zum 18. Mal.