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| 16:16 Uhr

Spremberg
Die Gesichter der Stadtgeschichte

Veronika Dubau beginnt ihre Stadtführung mit der Legende der Jutta von Kittlitz.Sie fragt aber auch bei Claudia Frank nach, ob sie kurz durchs Sonntagsche Haus führen kann.
Veronika Dubau beginnt ihre Stadtführung mit der Legende der Jutta von Kittlitz.Sie fragt aber auch bei Claudia Frank nach, ob sie kurz durchs Sonntagsche Haus führen kann. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Einmal im Montat eine feste Stadtführung? Sprembergs Stadtführer sind gern dabei.

Spremberg hat als Spreeinsel beste Voraussetzungen für Stadtführungen. Einwohner bleiben stehen, wenn Ina Thomas, Veronika Dubau, Hagen Rittel, Ulf Michalla oder Jürgen Hübner mit Gästen vorm Schloss stehen. Geschichte zu recherchieren, macht Spaß. Aber wie lockt man damit Spremberger zum Marktplatz? Fehlt Spremberg ein Heimatverein? Lohnt sich eine feste Stadtführung pro Monat?  Karin Hesse, Geschäftsführerin der Spremberger Land GmbH, weiß um die Vorbereitungszeit, die ihre Stadtführer investieren.

Ina Thomas führt auch durch Cottbus, Dresden, Zittau, Meißen, Görlitz, Bautzen.
Ina Thomas führt auch durch Cottbus, Dresden, Zittau, Meißen, Görlitz, Bautzen. FOTO: Gentzsch

Hagen Rittel holt aus den Tiefen seiner Nachtwächteruniform-Jackentasche einen silbernen Löffel und kratzt mit ihm am Kreuzkirchen-Mauerwerk. Die Menschen glaubten einst daran, dass ein Pulverchen vom heiligen Haus in der Suppe sie gesund macht. Mit der magnetische Wirkung von Gesteinen kennen sich die jungen Leute aus der Eisenerzstadt Schelsnogorsk aus. Ahs erntet Hagen Rittel, nachdem der Dolmetscher das Kratzen übersetzt hat. Sprembergs Stadtführer wissen, was über die Perle der Lausitz gesagt werden muss. Aber sie haben alle ihre eigene Art, bringen besonderes Wissen mit, die Gitarre, den Sonnenschirm, den Korb mit Süßigkeiten, die Mappe mit alten Fotos. „Auch Schulen bitten uns regelmäßig um eine Führung“, sagt Jürgen Hübner, der als Original Harri Piel mit viel Humor und Hintersinn erzählt und als Promovierter mit der Gießkanne von der Brückensprengung zum heutigen Ingenieurwesen springt. Ulf Michalla, der die Neugierigen in der Stadtschreiber-Montur begrüßt, liebt Zahlen  und schafft es in einer anderthalbstündigen Stadtpark-Runde, Sprembergs Geschichte zu erzählen. Veronika Dubau lockt die Gäste vom Markt flink zum Schloss, um mit der Legende der Jutta von Kittlitz zu starten. Und Ina Thomas, die das Gästeleiten zum Beruf gemacht hat, weiß auch viel über Dresden, Görlitz, Meißen, Cottbus, Zittau, übernimmt Bergbautouren, Parkbesuche und Radwanderungen. Sie versichert: „Jedes Ausflugsziel lässt sich individuell erweitern oder entsprechend der Witterungsverhältnisse regional anpassen.“ Hagen Rittel nickt: „Neben dem Schwerpunkt, den die Gruppen wünschen, ist es die Zeit, die die Runde vorgibt.“ In einer halben Stunde Sprembergs Geschichte tanken, sei machbar. Aber auch dreieinhalb Stunden haben er bereits durchgezogen.  

Jürgen Hübner vergleicht als Harri Piel gern die heutige Zeit mit der Zeit vor 100 Jahren.
Jürgen Hübner vergleicht als Harri Piel gern die heutige Zeit mit der Zeit vor 100 Jahren. FOTO: Thoralf Schirmer

Karin Hesse ist froh über die Flexibilität ihrer Stadtführer. Mehrmals haben sie sich getroffen, versucht, weitere Spremberger für dieses Ehrenamt zu gewinnen. Dabei ist ein kleines Faltblatt entstanden, dass alle wichtigen Fakten enthält. „Es wäre schön, wenn wir einmal im Monat an einem Samstag eine feste Führung anbieten könnten. Sicher nehmen das auch Spremberger an. Aber die Teilnahme müsste etwas kosten“, sagt Karin Hesse.

Hagen Rittel hat bei der Stadtführung die Klampfe dabei und animiert mit einem Quiz zum Mitdenken.
Hagen Rittel hat bei der Stadtführung die Klampfe dabei und animiert mit einem Quiz zum Mitdenken. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit

In den Kosten sieht Jürgen Hübner kein Problem. „Ina Thomas hatte das mal angefangen. Drei Euro bezahlen Teilnehmer gern für eine Stadtführung.“ Er sieht ein anderes Problem: „Im, Vergleich zu Guben oder Forst fehlt uns ein Heimatverein, der sich den Hut aufsetzt.“

Ulf Michalla führt als Stadtschreiber durch Spremberg und hat es mit den Zahlen.
Ulf Michalla führt als Stadtschreiber durch Spremberg und hat es mit den Zahlen. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit

Auf Helfer können die Stadtführer zurückgreifen: „Stranden“ dürfen sie bei Gunter und Claudia Frank von der Interessengemeinschaft Sonntagsches Haus, in der Kreuzkirchengemeinde, im Niederlausitzer Heimatmuseum, bei der ASG Spremberg und bei Kerstin Schilling, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit im Kraftwerk Schwarze Pumpe, wenn die Gäste zum Industriepark wollen. „Mit der Stadtverwaltung gibt es jetzt eine Vereinbarung, dass wir mit Gruppen auch außerhalb der Öffnungszeiten auf den Bismarckturm dürfen“, so Karin Hesse. Die Touristinformation, so gibt sie zu bedenken, sei nicht nur erste Anlaufstelle für Gäste, sondern auch für Menschen, die nach Spremberg ziehen möchten. Auch Stadtführungen aus Investoren-Sicht wäre spannend. Aber dass junge Spremberger junge Gäste zu ihren Orten einschließlich Skaterbahn führen, davon träume sie noch viel länger. Dass es Jugendliche gibt, die sich für die Stadtgeschichte interessieren, weiß Marco Wentworth, Leiter der Touristinformation: „Sie sammeln bei uns nicht nur Material ein, sondern fragen sehr gezielt zu Themen, an denen sie arbeiten.“

Marco Wentworth kann sich gut vorstellen, dass Spremberg eine festen Stadtführung im Monat anbietet. „Ich bin dabei“, so Jürgen Hübner, „nur im Sommer habe ich mehr mit den Oldtimern zu tun.“ Ulf Michalla will dabei auch mit Bürgern ins Gespräch kommen: „Das regt an, sich mit Themen noch mehr zu beschäftigen.“ Hagen Rittel ist auch zuversichtlich: „Spremberg ist ja nicht Bamberg. Mein Bamberger Nachtwächterkollege hat eine Schar Studenten mit seinem historischen Wissen gefüttert, damit er zwischendurch mal einen Tag Pause hat.“