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| 15:58 Uhr

Spremberg
Fliegen im Englischunterricht

Georgia Ginnivan aus Australien denkt mit den Drittklässlern im Haus des Lernens über verrückte, riesige, winzige, böse und ängstliche Kreaturen nach.
Georgia Ginnivan aus Australien denkt mit den Drittklässlern im Haus des Lernens über verrückte, riesige, winzige, böse und ängstliche Kreaturen nach. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. Sprembergs Grundschüler festigen Vokabeln mit zwei Australierinnen. Annett Igel-Allzeit

Seit dreieinhalb Jahren lebt die Australierin Georgia Ginnivan in Berlin. Sie liebt Kinder und spielt Gitarre. Die Ukulele, mit der sie nach Spremberg ins Lausitzer Haus des Lernens kommt, ist nicht nur handlicher. Sie überrascht die Drittklässler und klingt frech wie ein Banjo. Neugierig recken die Kinder im Stuhlkreis die Hälse. Dann wird gekreischt, gebrummt, gezittert. Denn eins der Lieder, die Georgia Ginnivan mitbringt, erzählt von kleinen wie großen, fiesen wie ängstlichen Kreaturen. Nebenbei lernen die Mädchen und Jungen die Adjektive für Wesensarten. Eine Etage tiefer kümmert sich die Australierin Sarah Clark um die Viertklässler. Ein Theaterstück, das in einem alten Tempel spielt, wird einstudiert. Auch Sarah Clark achtet neben der richtigen Aussprache auf Bewegungen zur Vokabel.

Das Haus des Lernens bietet Englisch als Fremdsprache spielerisch ab Klasse 1 an. Das tun auch andere Schulen, ist aber umstritten. Nach einer Studie, die die TU Dortmund und die Ruhr-Universität Bochum im Jahr 2017 mit der Universität Tennessee veröffentlichten, schneiden Kinder, die in Klasse 1 mit Englisch begonnen haben, im Vergleich der Fünftklässler besser ab. Im Vergleich der Siebtklässler aber waren die Spätstarter, die in Klasse 3 mit Englisch begonnen hatten, besser. Englisch ab Klasse 1 generell abzuschaffen, raten die Forscher trotzdem nicht. Nur vor hohe Erwartungen warnen sie. Sie empfehlen mehr Englischstunden ab Klasse 3, damit nach dem spielerischen Start in weiterführenden Schulen kein Bruch droht. Und sie empfehlen Kontakte der Kinder zu Muttersprachlern.

Im Haus des Lernens hat Englischlerherin Juliane Bartosch den Kontakt zur InterACT Englisch gGmbH geknüpft. Die Berliner Gesellschaft bietet bundesweit Projekte für die Klassen 1 bis 12 und Weiterbildungen für Lehrer an. Die Projektleiter kommen aus den USA, Neuseeland, Großbritannien oder – wie Sarah Clark und Georgia Ginnivan  – aus Australien. Sie haben nicht nur Sprachausbildungen hinter sich, sondern sind Schauspieler, Künstler, Pädagogen, Tänzer.

Ihre Lehrer und Helfer vermitteln, wenn eine Anweisung, eine Wendung nicht verstanden wird. Aber was ein Tempel ist, beschreiben die Schüler im Haus des Lernens bereits locker auf Englisch. Neben dem Geist muss auch der Körper die Sprache durchdringen, so die Philosophie von InterACT. „Deshalb ist der Englischunterricht heute auch Sportstunde“, beschreibt Juliane Bartosch die Runde, in der ihre Schüler durch den Raum schwimmen, rennen und eine Kletterei nachahmen. Die Vokabeln für sämtliche Bewegungsverben festigen sich so besser, bestätigt sie.

Noch auf dem Pausenhof murmeln die Kinder ihre Theatersätze zu den Bewegungen vor sich hin. Schulleiterin Ute Schenk freut sich über die begeisterten Kinder. „Wir liebäugeln im nächsten Jahr mit  einem weiteren Projekt von InterACT. Das dauert fünf Tage und endet in einem aufführungsreifen Theaterstück“, so die Schulleiterin.

Eine Hürde ist die Finanzierung. Im Gegensatz zu Berlin oder Hessen können viele Länder derzeit keine Förderprogramme dafür bieten. „Einen kleinen Teil haben bei uns die Eltern beigesteuert, den größeren Teil unser Träger, das Albert-Schweitzer-Familienwerk“, so Ute Schenk. Dafür genügt es künftig, dass Juliane Bartosch mit den Armen wedelt, wenn sie das Wort fly (fliegen) von ihren Kindern hören will. Und bei längerem Wedeln die Konjugationsformen des Verbs?

Die Viertklässlerinnen Helen, Elina und Josi proben derweil für ein Theater-Stück.
Die Viertklässlerinnen Helen, Elina und Josi proben derweil für ein Theater-Stück. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR