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| 19:42 Uhr

Mittelalter in Spremberg
Weil sie glaubt, hofft und liebt

 Veronika Dubau und Günter Kalliske verbindet eine jahrelange Freundschaft: Sie als Jutta von Kittlitz und er als graues Männlein aus den Freibergen beim Historienmarkt in Guben.
Veronika Dubau und Günter Kalliske verbindet eine jahrelange Freundschaft: Sie als Jutta von Kittlitz und er als graues Männlein aus den Freibergen beim Historienmarkt in Guben. FOTO: Matthias Nerenz
Spremberg. Veronika Dubau ist seit Dezember 2006 Sprembergs Jutta von Kittlitz Von Annett Igel-Allzeit

Flink zupft Veronika Dubau die Locken ihrer blonden Perücke zurecht. Sie steckt den Jungfernkranz fest und streicht das Kleid glatt. „Das weiße Vorderteil ist neu eingenäht. Das war dringend nötig. Auch der Saum war stellenweise ausgefranst“, sagt sie. Sie liebt dieses Kleid. Die Spreenixen-Schneiderin Petra Höwt hat es ihr einst genäht. „Ich habe noch ein neues rosafarbenes Kleid im Schrank, das wirkt fast barock, aber das muss auf die Hochzeit mit Seyfried von Loeben warten“, sagt sie.

Ihren ersten Auftritt als Jutta von Kittlitz hatte sie im Dezember 2006 zum 70. Geburtstag des Altbürgermeisters Egon Wochatz. Eine Idee, als sie noch mit Regina Stein in der Spremberger Touristinformation arbeitete. „Ich war sofort Feuer und Flamme. Egon Wochatz hat gleich erkannt, wen ich darstelle“, erinnert sich Veronika Dubau.

Seither  ist sie mit dem Jungfernkranz als Jutta von Kittlitz auf Festen und Flugplätzen unterwegs, beantwortet Fragen auf Messen, genießt Hoheitentreffen. Veronika Dubau hat sich nie als Spreenixe beworben. „Es ist ein tolles Ehrenamt für die jungen Frauen. Die Spreenixe ist die Repräsentantin der Stadt. Ich dagegen bin eine historische Figur Sprembergs.“ Dass sie oft als Jutta angesprochen wird, gefällt ihr. „Viele kennen meinen wirklichen Namen ja gar nicht. Wenn ich erzähle, dass ich mehr als 800 Jahre alt bin, bekomme auch ich Komplimente“, so Veronika Dubau lachend.

Im 12. Jahrhundert soll Jutta von Kittlitz gelebt haben. Sie war die Tochter des Grafen von Kittlitz, der im Spremberger Schloss wohnte. Das Geschlecht der von Kittlitz gehört zum Uradel der Oberlausitz. Der Spremberger Aribert Strehlow hat die Geschichte der Jutta von Kittlitz im Heimatkalender 1996 aufgearbeitet und sich neben seinen Forschungen zu den Kreuzzügen an die romantischen Verse des schreibenden Spremberger Arztes Dr. Kurt Karnauke gehalten. Demnach beteiligte sich Graf von Kittlitz gemeinsam mit seinem Sohn Hermann von Kittlitz wohl am Kreuzzug 1189 bis 1192 – mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Jutta von Kittlitz in Spremberg trifft auf den noch nicht geadelten Sänger Seyfried, verliebt sich. Und weil er um ihre Hand anhalten will, muss er sich seinen Grafentitel erstreiten und zieht auch in den Kreuzzug. Die Marien­erscheinung, die Stiftung der Georgenkapelle, die glückliche Heimkehr des Geliebten als Seyfried von Loeben – all das kennen die Spremberger, weil die Legende auch aufgeführt wurde und Veronika Dubau sie gern immer wieder erzählt.

„Ich mag die Jutta von Kittlitz als Figur sehr: Sie glaubt, hofft und liebt – und ihr Ritter kommt zurück und die Geschichte endet glück­lich.“ Wenn Veronika Dubau zu Stadtführungen einlädt, wandelt sie mit Gästen auf den Spuren des Geschlechts der von Kittlitz und beginnt am Schloss, zeigt die Reste der Stadtmauer am Ufer der Kleinen Spree neben der Mauergasse, hofft, dass sie ihren Gästen die Kreuzkirche zeigen kann, und vergisst das Kittlitzsche Freihaus in der Langen Straße nicht.

Veronika Dubau ist viel in Bewegung, tanzt zweimal in der Woche Standard und auch historische Tänze. Sie singt im Chor der Landeskirchlichen Gemeinschaft, arbeitet im Seniorenbeirat der Stadt mit. Sie schaut ihrem Mann beim Imkern über die Schulter. Nach Jahren als Bikerin lässt sie sich jetzt als Sozius den Fahrtwind um die Nase wehen. Vier Kinder hat sie, die ihre eigenen Wege gehen. Ihr Interesse an historischen Figuren teilt inzwischen ein Enkel. Das mit der Jutta von Kittlitz sei ein teures aber auch sehr dankbares Hobby. Sie komme mit vielen Leuten ins Gespräch, und sie reist.

Auch Aribert Strehlows Schilderungen, wie das Kreuzfahrerheer nach Kleinasien zieht, wo Barbarossa im Fluß Saleph ertrinkt, und Seyfried von Loeben in Damaskus in Gefangenschaft als Gärtner arbeitet, sind für sie lebendiger geworden. „Wir waren mit einer kleinen evangelischen Reisegruppe in Israel an der syrischen Grenze“, erzählt Veronika Dubau. Und der Reiseführer, der um ihr zweites Ich weiß, bat sie, das Kleid mitzunehmen. „So spazierte ich als Jutta von Kittlitz an der syrischen Grenze entlang, zum Viadukt und zu den Grotten Rosh Hanikra.“ Also auf Seyfried von Loebens Spuren? Veronika Dubau seufzt: Dichtung, Wahrheit, Legende ... Am Sonntag fährt sie zur Geschichtsbörse nach Potsdam. Sie freut sich aufs Rapsblütenfest auf Fehmarn. Besonders anstregend wird wieder das Heimatfestwochenende in Spremberg, denn da will sie auch zu den Parksommerträumen nach Altdöbern und zum Fischerfest in Peitz. Ob es 2019 wieder ein Georgenbergfest gibt? Es steht noch nicht m Terminkalender. Zum Georgenbergfest 2018 sollte sie Seyfried von Loeben in einer kleinen Szene endlich heiraten. Aber das fiel dann aus.