Für Geschäftsführerin Christine Herntier ist der heutige Freitag der letzte Arbeitstag. Für die 55-Jährige ist die Schließung der Firma, die sie vor 18 Jahren selbst mitbegründet hatte und seitdem als Geschäftsführerin leitete, eine schmerzliche Sache. "Doch es gibt keinen anderen Weg. In Deutschland gibt es keine Zukunft für die Textilbranche", ist die bittere Erkenntnis nach wirtschaftlich immer schwieriger werdenden Jahren und angesichts des weltweiten aggressiven Billigstpreiswettbewerbes.

1993 war das Unternehmen Spremberger Tuche von Textilfachleuten aufgebaut und später von der le-go-Gruppe Hof (Bayern) übernommen worden. Im neu errichteten Betrieb wurden Stoffe und Textilien gefärbt und veredelt - in bester Qualität und zur Weiterverarbeitung für hochwertige Produkte. In den besten Jahren liefen bis zu acht Millionen Meter Stoff aus den Spremberger Maschinen. Zur Jahrtausendwende waren in dem Werk zirka 100 Mitarbeiter beschäftigt.

Doch der immer größer werdende Wettbewerbsdruck aus Fernost machte dem Unternehmen zunehmend zu schaffen. "Der deutsche Textilmarkt ist inzwischen fast komplett nach Asien und in die Türkei abgewandert. Mit deren Niedrigpreisen können wir nicht mithalten. Kosten für Energie und Rohstoffe, wie zum Beispiel Wasser, sind hier in Deutschland immer höher geworden", erläutert Christine Herntier. Ab 2007 mussten bereits erste Mitarbeiter entlassen werden.

Mit neuen innovativen Ideen und Produkten sollte bis zuletzt zu dieser schwierigen Marktsituation gegengesteuert werden: In Spremberg wurden die Öko-Gewebe - das sind rein pflanzlich gefärbte Naturtextilien - sowie hochwertige Kollektionen von Stoffen für Herrenanzüge und Wollprodukte entwickelt. Mehrere Millionen Euro investierten die Gesellschafter, um den Betrieb überlebensfähig zu machen.

Doch die Investitionen zahlten sich nicht aus: Mehrere große Kunden brachen dem Unternehmen seit 2009 weg. Eine anhaltende Verlustsituation zwang die Gesellschafter Anfang 2012, die Notbremse zu ziehen: Die Produktion musste stillgelegt werden. Das passierte seit März in geordneten Bahnen: ohne Insolvenzantrag, mit Sozialplan für die Belegschaft und eingehaltenen Kündigungsfristen.

"Die Mitarbeiter haben sich bis zuletzt den immer neuen Herausforderungen im Unternehmen hoch motiviert gestellt", lobt die Geschäftsführerin ihre Belegschaft, die nun zu großen Teilen vor der Arbeitslosigkeit steht.

Völlig unklar ist bisher ebenfalls, was mit dem Betriebsstandort in der Zukunft wird. Interessenten oder konkrete Verhandlungen dazu gibt es noch nicht.

Eines steht allerdings schon fest: Die uralte Tradition der Textilproduktion in Spremberg ist mit dem Verschwinden des letzten Betriebes nun zu Ende.