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Unterricht mal anders
Schüler verwandeln sich in Lehrer

Tim Nakoinz (stehend) gehört zu den Gymnasiasten, die Nachhilfeunterricht geben.
Tim Nakoinz (stehend) gehört zu den Gymnasiasten, die Nachhilfeunterricht geben. FOTO: René Wappler / LR
Spremberg. Jugendliche vom Spremberger Gymnasium bieten ein erfolgreiches Nachhilfe-Projekt an.

Eine Zahl fehlt noch, damit die Rechnung aufgeht. Tim Nakoinz läuft zwischen Tafel und Tisch hin und her. Er ermuntert einen Jungen, laut nachzudenken. Fünf mal drei mal wieviel ergibt 90?

„Mal sieben“, sagt der Junge. Dann stutzt er. Überlegt. „Nein, mal sechs.“

Gleichung gelöst.

Der 16-jährige Tim Nakoinz übernimmt die Rolle des Lehrers für eine Schülerfirma namens „School Checker“. Sie gründete sich im Jahr 2016 am Spremberger Gymnasium. Ihr Modell lautet: Schüler geben anderen Schülern Nachhilfe, je nachdem, in welchem Fach sie hervorstechen.  

Sechs Gymnasiasten geben darüber hinaus an drei Tagen in der Woche Unterricht in Mathematik, Deutsch und Englisch für ausländische Schüler. So lösen Tim Nakoinz und die 17-jährige Luisa Schiffer in der Badergasse Gleichungen mit den Besuchern. Den Kurs hat der Verein „Jugend und Soziales“ organisiert.

Alexander Fritzke vom Verein sagt: „Uns geht es nicht nur um Flüchtlinge, sondern um alle Menschen in unserer Heimat, die Hilfe brauchen, sich selbst jedoch nicht helfen können.“ Er erwähnt die aktuellen politischen Spannungen in Cottbus. Das Problem bestehe „nicht erst seit heute“, sagt er, „sondern seit Jahrzehnten“. Es sei ein Fehler gewesen, in den 90er Jahren zu sagen, dass fast alle Asylbewerber nach Hause zurückkehren werden. „Wir müssen die Menschen integrieren, damit keine Parallelgesellschaft entsteht“, sagt Alexander Fritzke. „Deshalb lernen die Kinder bei uns Deutsch.“ An der Nachhilfe nehmen einheimische Schüler teil, außerdem Kinder und Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Russland und den USA.

Die Stiftung Lausitzer Braunkohle unterstützt den Spremberger Verein. 5200 Euro steuert sie für Technik und Möbel bei. Stiftungsvorstand Jörg Waniek erklärt: „Die Zukunft der Region liegt bei jungen Menschen, die was bewegen wollen.“ Dafür diene die Schülerfirma als Beispiel.

Der 21-jährige Sultani Abid Reza aus Afghanistan belegt einen Computerkurs beim Verein. Er fühlt sich nach eigenen Worten wohl in Spremberg. „Ich habe hier so viel Hilfe gefunden.“ Sein größter Wunsch laute, eine Arbeitsstelle als Elektroniker zu finden.

Auch der 25-jährige Abou Mraisk Khalil aus Syrien nutzt das Angebot in der Badergasse.  Er büffelt nach eigenen Worten jeden Tag die deutsche Sprache. „Die vielen Dialekte machen es einem schwer“, bekennt er. „Ich will aber einen guten Job erlernen.“ Sein Traum wäre es, als Industriemechaniker zu arbeiten.

Die Schülerhilfe zählt derzeit mehr als 50 Teilnehmer. Gemeinsam mit dem Migrationsdienst besuchen die Mitglieder des Vereins „Jugend und Soziales“ die Familien, um das Angebot vorzustellen. Der Vorsitzende Alexander Fritzke erläutert: „Ein Problem besteht darin, dass sich viele Erwachsene kaum außerhalb ihres Wohnbereichs beschäftigen können.“ Deshalb sei es wichtig, ihnen ebenfalls die Angebote des Vereins zu unterbreiten. Allerdings zeichne sich ein starker Bedarf ab, den er mit seinen begrenzten Mitteln kaum erfüllen könne. An den Medienkursen nahmen bislang 36 Besucher teil, vor allem Erwachsene. Sie wollten den Umgang mit dem Computer erlernen. In Zukunft will der Verein diese Kurse für Kinder und Jugendliche anbieten. Sie finden an zwei Tagen in der Woche statt.

Die Spende der Stiftung Lausitzer Braunkohle dient für drei Computer, einen Beamer, eine Kamera und einen Drucker. Vorstand Jörg Waniek sagt: „Wir können in jedem Jahr mehr als 100 000 Euro für vernünftige Zwecke ausgeben.“ Für das Spremberger Projekt habe sich die Stiftung schon vor längerer Zeit entschieden. „Da wussten wir noch gar nicht, was in Cottbus passieren wird.“

In einem RUNDSCHAU-Interview äußerte sich Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) über ihren Wohnort. Sie sagte in der vergangenen Woche: Es gebe in Cottbus „einen kleinen Kern gewaltbereiter Flüchtlinge und Deutscher, die eine Spirale der Eskalation in Gang gesetzt haben“. Zum anderen seien wegen des Zuzugs sehr vieler Schutzsuchender „innerhalb eines kurzen Zeitraums bisher gut funktionierende Integrationssysteme an ihre Grenzen gelangt“.