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| 18:05 Uhr

Kunst
Sie hing nicht an Dingen, sie hing an der Kunst

Irmgard Kuhlee im Ater von 88 Jahren mit einem Selbstporträt von 1979 in der Bloischdorfer Museumsscheune.
Irmgard Kuhlee im Ater von 88 Jahren mit einem Selbstporträt von 1979 in der Bloischdorfer Museumsscheune. FOTO: Martina Arlt
Spremberg. Die Malerin Irmgard Kuhlee ist verstorben. Als Elfjährige kam sie nach Groß Buckow und verliebte sich ins Sorbisch-Wendische. Von Annett Igel-Allzeit

„Ich gehe im Herbst und sehe den Frühling.“ So lässt Irmgard Kuhlee ein Gedicht enden. Nun ist sie tatsächlich im Herbst gegangen. Im Alter von 91 Jahren verstarb die Spremberger Künstlerin am Sonntagabend in einem Pflegeheim in Laubusch. Wie schnell sie den Stuhl inzwischen brauchte, wie schwer der Atem ging – ihre Augen blieben stets jung, schelmisch, wach. Sie hat Ostereier verziert, Trachten bestickt, auf Volksfesten flink porträtiert. Sie hat gesponnen, Wandteppiche gestickt. Sie hat Gedichte und kleine Geschichten aufgeschrieben und mit Sebastian Zachow-Vierrath unter dem Titel „Zeitenlauf“ ihre Erinnerungen im Regia-Verlag herausgebracht und mit dem Lausitziale-Team einen wunderbaren Film gedreht. Zuerst aber war sie eine wunderbare Malerin. Wie viele Bilder es sind, wird ein Geheimnis bleiben. Im Werkverzeichnis im „Zeitenlauf“ sind 789 Malereien und Zeichnungen aufgezählt. „Irmchen“, wie viele sie liebevoll nannten, hat viele Bilder verschenkt oder verkauft, und sie hat auch nach 2010, dem Erscheinungsjahr ihrer Erinnerungen, neue Bilder gemalt. Sie liebte die Farben und konnte zugleich mit dem Pinsel zeichnen.

Als Berliner Pflanze wurde sie geboren. Und das mit dem Malen hatte früh begonnen. „Laufend habe ich Mutters Papier verbraucht“, erinnerte sie sich in einem Gespräch 2007 an ihre Kindheit, „ich durfte die Schultafel mit Blumen gestalten, und meine Schulbücher habe ich bemalt. Mein ganzes Leben lang zeichne ich, das steckt so drin.“ Elf Jahre war sie, als sie nach der Scheidung der Eltern mit ihrer Mutter in deren Heimatdorf Groß Buckow zog. Mit der Großmutter ging sie in den Wald und erlebte sie als eine der letzten Leineweberinnen. Ihr Spinnrad hat sie später geerbt. Nach der Schulzeit lernte Irmgard Kuhlee Fotografin in Cottbus. Im Fotoatelier fühlte sie sich „noch nicht am richtigen Platz“. Aber sie genoss die Birkenallee und den Wegrain auf ihrer täglichen Radtour nach Cottbus. Ihre Fluchtgeschichte begann mit den Tieffliegern am 18. April 1945.

22 Jahre war sie jung, als die den Ofenbaumeister Ewald Kuhlee heiratete. Und als ihre zwei Söhne Mitte der 50er-Jahre zur Schule gingen, übernahm Irmgard Kuhlee den ersten Schülerzirkel für künstlerisches Gestalten. „Die Kinder ahnten nicht, wie sehr sie mir in dieser Zeit geholfen haben, Schweres zu überbrücken“, erzählte sie 2007. Bis zum Glück dauerte es noch ein paar Jahre: „Die schönste Zeit meines Lebens war, als ich mit der Malschule 1977 anfing. Ich dachte, ich bin ewig jung“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. In der Abendschule in Cottbus, einer Außenstelle der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, fasste sie Selbstvertrauen zu ihrem Talent und probierte alle Techniken aus. Ab 1980 arbeitete sie freiberuflich – mit dem Zwiespalt, Schöpferkraft ausleben zu können und zugleich ihre materielle Existenz sichern zu müssen.

„Die ausgezeichnete Brigade“ wurde eins ihrer größten Gemälde. Aber sie zeichnete auch Auguste Noack beim Kartoffelschälen, die Nachtschicht mit den vielen Lichtern im Tagebau, Mädchen mit Wallehaaren, Musiker, Blumen, Sprembergs Originale vom MC, Groß Buckows letzte Baumblüte, Straßen und Häuser, bevor sie abgebaggert wurden. Am meisten geweint habe sie um Wolkenberg, erinnert sie sich 2008, als im Spremberger Bürgerhaus 15 Aquarelle und Ölmalereien, von ihr gezeigt wurden. Die Stadt hatte sie von ihrer Künstlerin gekauft. „Wolkenberg war ein wunderschönes Dorf. Damals haben gerade die Kornblumen geblüht. Außerdem hatte Wolkenberg seinen Namen zurecht – ich fand dort beim Malen immer einen wunderbaren Himmel.“ Auch ihre letzte Mal-Sitzung in Groß Buckow um 1981 hat sie nie vergessen: „Es war so still, als ich dort in der letzten Stunde saß und den Dorfplatz malte. Nur von fern hörte ich Ziegen meckern. Das war schon ein Abschied.“

Sie hinterlässt ein umfangreiches Werk. So viel Geschichte, Brauchtum und so viele Menschen hat sie mit ihren leuchtenden Augen erfasst und festgehalten. „Es ist gut, wenn man weiß, dass man nicht umsonst gelebt hat“, resümiert sie in „Zeitenlauf“, „ich brauche mein Herz nicht an irgendwelche Dinge zu hängen – ich habe ja die Kunst!“

Im Spremberger Rathaus soll noch eine Ausstellung mit der Malerin Irmgard Kuhlee geplant gewesen sein. Ihr Tod nun spricht nicht dagegen, ganz und gar nicht.