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| 16:31 Uhr

Spremberg
Mit Insulinpumpe durchs Leben

Das Spremberger Team, das für die wachsende Zahl der Diabetespatienten in Sachsen und Brandenburg da ist: (von links)  Domenica Tuscher. Birgit Hein, Juliane Blum, Katrin Kobus, Doreen Szickora, Katja Ziobro und Simone Vater. Bettina Schleiernick kam erst nach dem Fototermin dazu.
Das Spremberger Team, das für die wachsende Zahl der Diabetespatienten in Sachsen und Brandenburg da ist: (von links) Domenica Tuscher. Birgit Hein, Juliane Blum, Katrin Kobus, Doreen Szickora, Katja Ziobro und Simone Vater. Bettina Schleiernick kam erst nach dem Fototermin dazu. FOTO: Krankenhaus Spremberg / LR
Spremberg. Spremberger Krankenhaus bleibt eine Klinik für Diabetikpatienten. Zahl der Betroffenen in der Region wächst stetig. Von Annett Igel-Allzeit

„Mein ältester Diabetes-Typ-1-Patient ist jetzt 89 Jahre alt.“ Die Spremberger Oberärztin, Diabetologin und Ernährungsmedizinerin Simone Vatter sagt das mit Stolz. Es habe sich viel getan, die Behandlungsmöglichkeiten für Diabetes-Patienten sind besser geworden. Allerdings, so Simone Vatter, nimmt Brandenburg gemeinsam mit Sachsen-Anhalt den Spitzenplatz in der Zunahme der Diabetes-Fälle ein. Zwölf bis 14 Prozent der Bürger sind an Diabetes erkrankt. Der Typ-2-Diabetes ist längst nicht mehr nur ein „Alterszucker“. Immer öfter wird er auch bei jungen Menschen festgestellt. Zudem scheint sich der Typ 1 mehr zu vererben. „Es kommt schon vor, dass ich Vater und Tochter, Mutter und Sohn behandle. Das konnten wir früher nicht so feststellen, weil die Betroffenen nicht schwanger wurden und oft keine so hohe Lebenserwartung hatten“, erklärt die Diabetologin.

Ihre Sorge: Mit den Zahlen der Betroffenen wachse leider nicht die Zahl der Anlaufstellen. Die mehr als 1000 Patienten in ihren Sprechstunden kommen aus der gesamten Spremberger Region, aus Weißwasser, Hoyerswerda, Forst, Cottbus, Lübben, Calau. „Sogar ein Berliner ist dabei, obwohl wir bei Glatteis und Schnee um ihn bangen. Er war mal Spremberger und bleibt uns treu“, erzählt Simone Vatter.

Ein achtköpfiges Diabetes-Team mit Diabetisassistentinnen, Diabetesberatern und Wundversorgern vom Krankenhaus und dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) sichern die stationäre und ambulante Versorgung auf der Station für Inneres 2 ab.  Sie kümmern sich, wenn der Diabetes entgleist, insulinresistente Diabetiker kommen, schreiben die nötigen Gutachten für die Krankenkassen, wenn eine Insulinpumpe die Lebensqualität verbessern könnte, stellen die Pumpe ein, schulen die Patienten, behandeln Begleiterkrankungen und wissen um die psychosozialen Probleme, die Diabetes verursachen kann. Jede Menge Arbeit – „vor allem auch Gespräche und viele Auswertungen“, sagt Simone Vatter. Hinzu kommen Patienten, die wegen Operationen oder Behandlungen auf anderen Stationen ins Krankenhaus kommen, aber Diabetes haben – etwa 1400 im Jahr.  Sprembergs Krankenhaus ist als Klinik für Diabetes geeignet. „Das Zertifikat gab es 2015 erstmals von der Deutschen Diabetes Gesellschaft“, sagt Simone Vatter, „jetzt bekommen wir die Rezertifizierung“.

Auf Kongressen spricht Simone Vatter über ihre Erfahrungen, streitet für neue Behandlungsmöglichkeiten. „Keine der Insulinpumpen ist perfekt, jede hat einen kleinen Nachteil. Mal sind die Katheder nicht optimal, mal die Einstellungsmöglichkeiten nicht perfekt. Würden sich alle sechs Hersteller zusammensetzen, kämme sicher die perfekte Pumpe heraus“, so die Oberärztin seufzend.

Zum neunten Spremberger Herbstlauf am 22. September, den das Diabetes-Team mit organisiert, um Jung und Alt in Bewegung zu bringen – im Vorjahr waren es 663 Teilnehmer, gehört der Spremberger Diabetes-Tag mit Vorträgen. Und am 17. März hatte das sechste Treffen für Patienten, die mit einer Insulinpumpe leben, stattgefunden. „Sie wollen sich untereinander austauschen. Zudem gibt es immer wieder neue Entwicklungen, über die wir berichten.“ Diesmal war Fahrtauglichkeit und Diabetes ein Thema.

Ihre Insulinpumpe haben sie wie ein Handy ständig bei sich – in der Hosentasche, am Bund. Ein dünner Schlauch geht von der Pumpe zum Bauch, wo eine Kanüle unter die Haut geschoben wird, damit das Insulin ins Unterhautfettgewebe gelangen kann. Auch eine schlauchlose Variante gibt es inzwischen. Aber eine Pumpe, die angesichts der Werte selbstständig Insulin abgibt, sei noch nicht auf dem Markt. „Der Sensor misst 288 Mal am Tag. Das gibt uns ein genaues Bild für die Einstellung. Manuell wären so viele Messungen nicht zu schaffen“, sagt die Diabetologin.

Deshalb wollen nicht alle Patienten diesen Sensor, sie werden für das Diabetes-Team gläsern. „Klar, wir sehen, wann ein Glas Alkohol trunken wird. Aber es geht uns ja darum, ihr normales Leben zu erfassen. Und wir sagen auch, was sie beim nächste Treffen mit Freunden besser machen könnten.“

Große Angst haben viele Patienten vorm Zusammenbruch bei Unterzucker. „Man übernachtet das ersten Mal beim neuen Freund, bei der neuen Freundin und dann passiert das“, erklärt Simone Vatter das Problem. Dass die Familien helfen, sei wichtig. Und dass junge Frauen erfinderisch sind, damit sich der an Diabetes erkrankte Partner mal richtig untersuchen lässt, hat Simone Vatter schon erlebt.

 Mit Koffer und Plüschlöwe Lenny unterm Arm geht Simone Vatter regelmäßig in Schulen. „Viele Schüler haben schon davon gehört, weil Oma oder Opa Diabetes haben. Was dahinter steckt, was sie präventiv dagegen tun können, das erzähle ich ihnen. Ihren Blutzuckerwert messen wollen am Ende fast alle.“