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| 19:00 Uhr

Spremberg
Und das kleine Herz schlägt schnell

Die Hebamme Anette Fiebiger erforscht die Herztöne des Babys, das Monique Schulze erwartet.
Die Hebamme Anette Fiebiger erforscht die Herztöne des Babys, das Monique Schulze erwartet. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. Hebamme Anette Fiebiger bemüht sich um das Vertrauen der Flüchtlingsfamilien.

Das Herz eines Fötus’ schlägt doppelt so schnell wie das Herz seiner Mutter. Die Spremberger Hebamme Anette Fiebiger ertastet das Kind, das Monique Schulze in der 37. Schwangerschaftswoche in ihrem Bauch schaukelt. „Es ist ständig in Bewegung“, erzählt Monique Schulze. Anette Fiebiger setzt das Pinard’sche Stethoskop knapp überm Bauchnabel auf, legt das Ohr an, lauscht und zählt leise: „140 bis 150 Herzschläge in der Minute. Das ist gut.“

Anette Fiebiger ist eine gestandene Hebamme. In Hoyerswerda wurde sie ausgebildet, danach arbeitete  sie als fest angestellte Hebamme in Sprembergs Krankenhaus, bis sie mit Annette Preussler den Sprung zur freien Hebammenpraxis „Kugelrund“ wagte und mit Martina Leschin das Geburtshaus aufbaute. 2015 musste das Geburtshaus schließen. Zehn Jahre schien es eine Alternative nach Ende der Geburtsabteilung im Spremberger Krankenhaus. Doch dann kletterten die Kosten für die Haftpflichtversicherungen der Hebammen in schwindelerregende Höhen. Und die Zahl der komplizierten Geburten, die in die Gynäkologie des Krankenhauses wechseln, reichte nicht mehr für die Routine, die Kliniken regelmäßig nachweisen müssen.

80 bis 90 Frauen betreue sie im Jahr, sagt Anette Fiebiger. Während es vor der Geburt darum geht, Beschwerden wie Übelkeit und Rückenschmerzen zu lindern und die Gesundheit der jungen Frauen zu stärken, stehe nach der Geburt das Kind im Mittelpunkt. Eine Stillgruppe habe Spremberg derzeit nicht. „Aber wenn sich Fragen zum Stillen häufen, biete ich es als Thema an.“

Stillen übrigens sei für die jungen Flüchtlingsfrauen, die sie auch betreut, selbstverständlicher. „Meine Frauen aus Syrien und Afghanistan geben bei Problemen das Stillen nicht so schnell auf.“ Das liege auch an der engeren Bindung unter den Frauen in den Familien. Tipps werden von der Mutter an die Tochter weitergegeben, Omas, Tanten und die Schwiegermutter helfen. Deshalb seien Hebammen in den Heimatländern nicht so verbreitet.

Schwangere, die nach ihrer Flucht in Spremberg stranden, kommen oft erst nach der Geburt in die Hebammenpraxis. „Die Spremberger Freiwilligenagentur schickt sie zu mir. Vier bis fünf Frauen im Jahr, und das Vertrauen wächst.“ Zwei, so erzählt die Hebamme, können inzwischen so gut Deutsch, dass sie beim Dolmetschen helfen. Sonst steht Anette Fiebiger mit ihren Flüchtlingsfrauen überwiegend im schriftlichen Kontakt. Für kleine Texte können sie nachschlagen, Deutschkundige in ihrer Umgebung fragen. Kommen Nachrichten wie „Baby schreit“ oder „Bauch-Aua“ auf ihr Handy, macht sich Anette Fiebiger auf den Weg. Sogar für die Rückbildungsgymnastik hat sie jetzt zwei junge Frauen aus Flüchtlingsfamilien gewonnen. Dankbarkeit, aber auch Freude erlebt sie in syrischen und afghanischen Familien. „So ein kleiner Erdenbürger“, vermutet die Hebamme, „lenkt ein wenig von schlimmen Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht ab.“

In Hoyerswerda, Cottbus, Weißwasser und Forst bringen Eltern der Spremberger Region ihre Kinder zur Welt. Dass eine Familie die Hausgeburt wählt, hat Anette Fiebiger lange nicht erlebt. Fehlt es ihr, nicht aktiv bei Geburten zu helfen? Sie zieht langsam die Schultern hoch: „Bis zur Schließung des Geburtshauses hatte ich über 1000 Geburten.“