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Spremberg kämpft um seine Zukunft

Bei der Demonstration sprachen viele Besucher über ihre Sorgen um die Region, der ein massiver Industrieabbau droht.
Bei der Demonstration sprachen viele Besucher über ihre Sorgen um die Region, der ein massiver Industrieabbau droht. FOTO: Sven Scheffler
Spremberg. Auf dem Spremberger Marktplatz haben am Dienstagabend Menschen aus der Region für den Erhalt der Braunkohle und gegen die geplante Klimaschutzabgabe demonstriert. Sie fürchten um die Zukunft der Region. René Wappler

Spremberg. Dienstag, 18.30 Uhr. Mehr als Tausend Menschen haben sich auf dem Spremberger Marktplatz versammelt. Viele tragen Transparente: Ohne Kohle wäre Energie unbezahlbar", "Seit 100 Jahren Energie für Deutschland - und was bekommt die Lausitz?", "Keine Kohle, keine Jugend".

Ohne ein solches Transparent ist Michaela Koch aus Klein Loitz nach Spremberg gekommen. Doch auch sie treibt die Angst vor der Zukunft an. "Wir sind doch froh, dass wir eine relativ niedrige Arbeitslosenzahl haben", sagt sie. "Wenn die Kraftwerke nicht erhalten bleiben, verwandelt sich Klein Loitz wie andere Orte in ein Geisterdorf."

Als Schichtleiter arbeitet Robert Kühn im Kraftwerk Schwarze Pumpe. Erst im Jahr 2011 hat er sich ein Haus in Spremberg gekauft - und er trägt sich ebenfalls mit Sorgen. "Man kann doch nicht einfach plattmachen, was funktioniert", erklärt er.

Die Cottbuser Beigeordnete Marietta Tzschoppe (SPD) eilt über den Marktplatz. "Wir stehen zu unserem Lausitzer Revier, und ich bin dabei, um im Namen unseres Rathauses die Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier zu unterstützen."

Ungewisse Zukunft

Kurz darauf spricht das Spremberger Stadtoberhaupt auf der Bühne am Markt. "Ich bin so froh, dass wir uns heute hier versammelt haben und unsere Stimme erheben", sagt sie. "Ohne Not wird einer der letzten großen Industriezweige unserer Region aufs Spiel gesetzt."

Stadtverordneten-Vorsteherin Elke Franke stellt fest: "Wir Lausitzer versorgen große Teile Ostdeutschlands und die Hauptstadtregion mit bezahlbarer Energie." Natürlich brauche die Lausitz eine solide Neuausrichtung. Doch dafür sei auch die Braunkohle als Brückentechnologie vonnöten. "Wir wissen, dass sie nicht auf ewig unser Motor sein wird", sagt Elke Franke. "Aber nichts verunsichert Menschen mehr als eine ungewisse Zukunft."

Ebenfalls auf der Bühne steht Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). "Nein zur fristlosen Kündigung für effiziente Kraftwerke", ruft er. "Nein zur Vernichtung Tausender guter Arbeitsplätze, nein zur Gefährdung von sozialer Sicherheit und Wohlstand." Der Strukturwandel finde doch schon seit 25 Jahren statt. Der Minister versichert, dass ihn die Landesregierung nach Kräften begleiten wird. "Heute geht es jedoch erst mal darum, dass wir mit um unsere Kohle kämpfen müssen."

Bevor der Stadtverordnete von der Nächsten Generation und Moderator des Abends, Benny Blatz, das Ende der Demonstration verkündet, gibt er zu bedenken: "Auch alle, die heute nicht hier sein können, haben die Hoffnung, dass wir es schaffen, die Region umzubauen."

Während sich die Besucher auf dem Spremberger Marktplatz für den Erhalt der Braunkohle einsetzen, hält René Schuster vom Umweltverband "Grüne Liga" in einer schriftlichen Erklärung an seiner Kritik fest: Die Demons tration beruhe auf falschen Befürchtungen, wenn sie sich gegen den geplanten Klimabeitrag für ältere Kohlekraftwerke richte. Zum Positionspapier der Stadtverordneten merkt René Schuster an: "Wir begrüßen, dass die Stadt erstmals einen definierten Zeitraum für den Braunkohleausstieg fordert und in diesem Zusammenhang die Jahreszahl 2030 nennt." Dies werde mit dem Klimabeitrag voraussichtlich gut vereinbar sein. René Schuster mutmaßt, die Stadt Spremberg wolle wohl davon ablenken, dass die Gewerbesteuer-Einnahmen auch ganz ohne den Klimabeitrag sinken würden.

Hart urteilt Karin Noack aus Welzow über die Demonstration: Es seien doch die Ewiggestrigen, die Panik unter den Menschen verbreiten wollen, erklärt das Vorstandsmitglied der Bündnisgrünen im Spree-Neiße-Kreis. So beruft sich Karin Noack auf eine Studie vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, in der es heißt: "Bei einem Ausstieg aus der Braunkohleverstromung fallen im Ergebnis rund 4100 Arbeitsplätze weg." Mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien ließen sich die weggefallenen Arbeitsplätze kompensieren, schreiben die Autoren der Studie.

Sorge bei der Jungen Union

Auf Widerspruch trifft diese Prognose beim Vorsitzenden der Jungen Union im Spree-Neiße-Kreis, Julian Brüning: "Eine Klimaabgabe auf die beiden südbrandenburgischen Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe wird zwangsläufig, aufgrund der wirtschaftlichen Unrentabilität, zur Schließung führen", befürchtet er. "Sollte die Klimaabgabe kommen, wird die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit der Lausitz stark eingeschränkt." Unter einer steigenden Zahl von Arbeitslosen werde dann die Attraktivität des Lausitzer Seenlands leiden - und die fehlende Perspektive schrecke Menschen ab, die eine Familie gründen wollen.