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| 16:13 Uhr

Gräber der Zukunft
Friedhöfe ändern ihren Charakter

Die Friedhofsgärtner Heike Scholtka und Ronald Kowalla glauben, dass künftige Grabanlagen in Parks eingebettet sein werden.
Die Friedhofsgärtner Heike Scholtka und Ronald Kowalla glauben, dass künftige Grabanlagen in Parks eingebettet sein werden. FOTO: Wappler / LR
Spremberg. Das „schlichte Planquadrat“ hat ausgedient, wie ein Fachmann aus Spremberg sagt.

Wo Tote ihre letzte Ruhe finden, ist die Lebensfreude fern. Das lässt jedenfalls die ernste Friedhofskultur in Deutschland vermuten. Nun bahnt sich allerdings ein Umbruch an. Der Spremberger Friedhofsgärtner Ronald Kowalla sagt: „Viele Leute wollen einfach nicht mehr im schlichten Planquadrat beerdigt werden.“ Das fand er bestätigt, als er Grabstätten in anderen Orten besuchte. Auf Friedhöfen darf es demnach auch mal fröhlich zugehen – bei aller berechtigten Trauer um die Toten.

Eine Liedermacherin gibt zwischen Gräbern ihr Konzert, begleitet von einem Gitarristen. Das ist keineswegs Zukunftsmusik, sondern geschah im Jahr 2017 auf dem Friedhof in Mannheim. Bei einer Fahrt durch Deutschland erfuhr eine Fachgruppe vom Zentralverband für Gartenbau, wie sich die Friedhofskultur langsam verändert. Ronald Kowalla aus Spremberg zählte zu den Reisenden. „Ich sehe hier eine enorme Chance“, sagt er. „Wir müssten uns nur von alten Mustern verabschieden.“ Auch in Mannheim hätten viele Leute zunächst gesagt: Konzerte am Ort der Totenruhe, das geht doch überhaupt nicht. Und dann ging es.

Der Friedhof in Mannheim bildet längst keine Ausnahme mehr. In anderen Orten erinnern die Anlagen an Parks, mit Bächen, die sich durch die Landschaft schlängeln. Auf Bäumen finden sich die Inschriften der Beigesetzten. In Karlsruhe gibt es sogar einen Spielplatz auf dem Friedhof.

Von solchen Beispielen berichtete Ronald Kowalla in dieser Woche im Spremberger Bauausschuss. „Gräber in Reih und Glied, nach Rastermaß, spiegeln unsere Gesellschaft nicht mehr wider“, sagte er bei einem Vortrag im Bürgerhaus. „Die Menschen wünschen sich ihre letzte Ruhe in einer Umgebung, die einem Park ähnelt.“

Nach den Worten des Friedhofsgärtners gab es so eine Anlage bereits in Spremberg. Der Georgenbergfriedhof sei einst dem Ideal gerecht geworden, als er noch großzügiger gestaltet war.

Nach und nach soll die Anlage am Georgenberg diesen Charakter zurückgewinnen. Das erklärt Doritha Drews, die sich im Rathaus um das Friedhofskonzept kümmert. So sieht der Plan vor, dass Pflanzen auf unbelegte Grabflächen kommen.

Allerdings werden einige Friedhöfe in Spremberg weiter schrumpfen. Ein Vorschlag lautet, die Trauerhalle in Slamen zu schließen. Zu wenige Besucher, zu hohe Kosten für das Sanieren: Laut Friedhofskonzept lohnt sich der Betrieb des Gebäudes nicht mehr. Auch für die Trauerhalle in Cantdorf kommt ein Abriss in Frage. Die Bühlower Trauerhalle hat sich bereits in ein Quartier für Fledermäuse verwandelt. Es entstand in einem gemeinsamen Projekt des Rathauses und der Naturschützer. Viele Grabfelder in Ortsteilen wie Cantdorf, Türkendorf, Groß Luja, Graustein und Sellessen werden voraussichtlich gesperrt.

Zugleich betonen Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) und die Stadtverordneten, dass sie in absehbarer Zeit keinen Friedhof aufgeben wollen. Dem Waldfriedhof als größter Anlage der Stadt steht sogar ein Ausbau bevor.

Momentan wirkt er allerdings nicht sonderlich modern. Zu diesem Urteil kommt Friedhofsgärtner Ronald Kowalla, dessen Büro direkt neben dem Eingang zum Waldfriedhof liegt. „Was wir hier im Allgemeinen in Spremberg an Anlagen haben, ist ein absolutes Auslaufmodell“, sagt er. „Natürlich fragt man sich erst mal, was ein Spielplatz auf einem Friedhof zu suchen hat, wie es in Karlsruhe der Fall ist.“ Doch bei näherem Nachdenken sei die Antwort klar. „Der gehört genau dort hin, das ist das gesellschaftliche Leben.“ So träumt Ronald Kowalla von Friedhöfen, auf denen die Menschen verweilen, wo sie auf Bänken sitzen, mit einer Zeitung oder einem Buch.

Diese Position nimmt auch der Zentralverband für Gartenbau ein. Demnach gelten Friedhöfe inzwischen nicht mehr nur als Orte der Erinnerung. Vielmehr dienen sie der Erholung, als Hort der Freizeit. Nicht als ausgegrenzter Teil einer Stadt sollten die Einwohner sie betrachten, sondern sie bewusst als öffentliche Grünflächen wahrnehmen. Ronald Kowalla sagt: „Dann wäre es auch nicht pietätlos, wenn Jogger ihre Laufrunden über einen Friedhof drehen.“ Im Bewusstsein der modernen Gesellschaft finde der Tod ohnehin kaum noch einen Platz. Käme der Friedhof jedoch zurück in den Alltag, könne sich das wieder ändern. Mit dieser Hoffnung trägt sich Ronald Kowalla.