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| 15:18 Uhr

Gesprächsrunde zur Zukunft der Stadt
Spremberg steckt im Widerspruch

Ivo Baumert, nach 17 Jahren in die Heimat zurückgekehrt, zählte zu den Besuchern, die sich für die Präsentation der Stärken und Schwächen von Spremberg interessierten.
Ivo Baumert, nach 17 Jahren in die Heimat zurückgekehrt, zählte zu den Besuchern, die sich für die Präsentation der Stärken und Schwächen von Spremberg interessierten. FOTO: Wappler / LR
Spremberg. Über Ideen für ein Leitbild der Stadt diskutierten Einwohner am Donnerstagabend.

17 Jahre lebte Ivo Baumert in Hamburg. Nun ist der Steuerberater nach Spremberg zurückgekehrt. Er steht in der Aula der Berufsorientierenden Oberschule, studiert die Tafeln mit den Stärken und Schwächen der Stadt und sagt: „Mich interessiert, wie es mit Spremberg weiter geht.“

Ein paar Meter weiter ordnet die parteilose Bürgermeisterin Christine Herntier ihre Unterlagen. Im Grunde könnte sie sich freuen. Da hat sich Ivo Baumert nach langer Zeit in der Fremde mit seiner Frau und den Kindern wieder in Spremberg niedergelassen. Um diese Menschen wirbt die Bürgermeisterin doch, um die Rückkehrer, die sich irgendwann doch nach ihrem Ursprung sehnen.

Trotzdem zeigt sie sich unzufrieden. Zur Präsentation der Ideen für das Leitbild der Stadt hat sie in die Aula der Schule eingeladen, und neben Ivo Baumert finden sich nur wenige weitere Besucher ein. „Ich bin schon etwas enttäuscht, dass nicht mehr Spremberger hier sind“, sagt sie. Gerade mal drei von 31 stimmberechtigten Stadtverordneten sitzen im Saal. Peter Reininger von der CDU, Dirk Süßmilch von der SPD und Elke Franke von den Linken. Nur die ersten Reihen sind besetzt.

Karin Hesse von der Spremberger Land GmbH ruft der Bürgermeisterin zu: „Aber Sie freuen sich hoffentlich, dass wir da sind?“

„Ja“, erwidert Christine Herntier. „Ich hab schon gute Laune.“

Der Stadtplaner Dr. Jürgen Othmer fasst vor dem Publikum die Stärken und Schwächen von Spremberg zusammen, ermittelt durch die Teilnehmer dreier Gesprächsrunden zum Leitbild ihrer Heimat. Gute Wohnlage, Kleinstadtcharakter, moderate Mieten. Das gefällt den Einwohnern von Spremberg. Zugleich ärgern sie sich über Bauruinen, die braune Spree, leer stehende Geschäfte, fehlende Gastronomie.

Das Für und Wider reicht weiter. Der öffentliche Nahverkehr ist nach Ansicht der Kritiker zu schlecht ausgebaut, vor allem zwischen den Dörfern und der Stadt. Ringverkehr und kleinere Busse schlagen sie als Lösung vor. Der Einsatz einer Gemeindeschwester und ein Ärztebus könnten gegen den Mangel an Medizinern helfen.

Der Stadtplaner Jürgen Othmer sagt: „Einige Vorschläge wären ohne viel Geld zu realisieren, andere wären mit viel Aufwand verbunden.“ So wünschen sich viele Spremberger, schneller auf die Autobahn in Richtung Westen zu kommen. Dafür zeichnet sich jedoch derzeit noch keine Lösung ab.

SPD-Fraktionschef Dirk Süßmilch hat nach eigenen Worten an einer der Diskussionsrunden teilgenommen. „Ich finde, dass es viel Widersprüchliches gibt, finde die Zusammenstellung aber spannend“, sagt er. „Vielleicht ergibt sich vieles mit dem City-Manager, der die Stadt ja auch nach außen präsentieren soll.“   Jürgen Othmer nickt. „Die unterschiedliche Wahrnehmung ist ein Kernproblem.“

In der Bürgerbeteiligung liegen zugleich „eine Chance und ein Risiko“. Das wirft der Architekt Werner Hillmann ein, der ebenfalls im Publikum sitzt. „Ich finde es ja faszinierend, dass zwar jeder Spremberger Gaststätten vermisst, aber keiner mehr abends in die Kneipe geht.“

Der Christdemokrat Peter Reininger sagt: „Mein Gefühl ist, dass wir überhaupt keine Stadtentwicklung mehr in Spremberg betreiben.“

Ähnlich hatte sich bei der Konferenz der Stadtverordneten am vergangenen Mittwoch im Bürgerhaus der CDU-Fraktionschef Andreas Bränzel geäußert. „Ich wünsche mir einen Masterplan für Spremberg“, sagte er. „Wir stopfen hier eine Lücke, wir stopfen da eine Lücke, aber mir fehlt die Idee, wo wir in 15 Jahren sein werden.“

Nachdenklich zeigt sich Karin Hesse von der Spremberger Land GmbH. „Wir haben augenscheinlich aus den Augen verloren, gemeinsame Ziele zu finden“, erklärt sie angesichts der geringen Zahl der Besucher in der Aula. „Es gibt Gruppen, die sich nicht beteiligt fühlen, und andere, die sagen: Was wollt ihr denn, das machen wir doch alles schon die ganze Zeit.“

Unterdessen erinnert sich die Stadtverordnete Elke Franke an die 90er. „Damals sagten wir, wir bringen Spremberg voran.“ Diese Gemeinsamkeit breche immer mehr auseinander. „Wenn ich mich heute umgucke, sehe ich kaum jemand von einem Verein im Saal sitzen.“ Ihr stimmt der Rückkehrer Ivo Baumert zu. „Ich finde es erschreckend, wie schwach die Beteiligung ist.“

Bürgermeisterin Christine Herntier erwähnt die jüngste Tagung des City-Werberings. „Selbstkritisch wurde da gefragt, wo der Schwung von damals geblieben ist“, sagt sie. „Wir alle sind seit der Wende 30 Jahre älter geworden, und vielleicht geht uns der Nachwuchs aus.“