Oft scheint in Filmen die Sonne, wenn der Held aus dem Gefängnis entlassen wird. Auch Tommy - gespielt von Vincent Redetzki - blinzelt und hält schützend die Hand vor die Augen. Aber da ist der Film fast zu Ende. Die Neunt- und Zehntklässler kommen aus der Geor genbergschule, aus der Berufsorientierenden Oberschule und aus dem Strittmattergymnasium. Siegmar Schulz und Holger Fahrland vom Spremberger Lausitziale-Team gestehen, eine Mischung aus Stolz und Muffensausen gefühlt zu haben, als sie am Vortag mit Birgit Kamenz von der Stiftung SPI vor den vielen Stuhlreihen im Bergschlösschen standen. Doch Bürgermeisterin Christine Herntier verspricht den Jugendlichen, dass sie es nicht bereuen werden, zum Film gekommen zu sein. Sie kennt ihn seit September.

Unter dem Motto "Wandel und Veränderung" steht die erste der vier Stationen der Lausitziale-Tour 2016. Während Martin Becker vom Spreekino den digitalen Beamer der Spremberger Filmnächte aufbaut, stellen die Mädchen und Jungen ihre Ranzen unter die Stühle, schalten die Han-dys aus, schieben die Mützen in den Nacken, wickeln sich Haarsträhnen um den Finger. Tommy läuft mit einer Gorilla-Maske auf O-Beinen übers Land. Ein Karnevalsumzug tobt durch den Ort. Tommy springt auf einen der bunten Wagen. Denn da ist seine geliebte Julia - gespielt von Lou Strenger. Doch der Trubel in den Kostümen endet im richtigen Leben: Julia ist verzweifelt, muss es Tommy endlich sagen: "Ich bin schwanger."

Während die 18-Jährige aus einem reichen Elternhaus kommt - Vater hat eine Baufirma und Julia will studieren, verdient Tommy wenig als Bäckerlehrling, lebt mit seinem gescheiterten Vater in einer Männerwirtschaft. Niemand ist begeistert von der Schwangerschaft. Plötzlich ein Nest für die kleine Familie bauen zu müssen, überfordert Tommy. Er nimmt das Angebot eines Drogen-Dealers an und schmuggelt Crystal Meth über die tschechisch-deutsche Grenze. Schnell kommt er so an Geld.

Robert Heber, der Regisseur, schmunzelt. Die Frage, warum der Film so enden muss, hat er erwartet. "Das richtige Leben" war 2013 seine Diplomarbeit. Selbst ist der 34-Jährige an der Grenze zu Tschechien aufgewachsen. 2008 habe er sich gewundert, warum die Gefahr von Crystal Meth keiner sieht. Die Unruhe blieb, er recherchierte, die Geschichte reifte, seine Figuren wuchsen. Als Bäckermeister konnte er den Schauspieler Wolfgang Winkler - bekannt als Polizeiruf-Hauptkommissar Schneider - gewinnen. Julias Eltern spielen Christine Hoppe und Johannes Terne, Tommys Vater Jens-Uwe Bogadtke. Die Frauenärztin und die Beamten im Gefängnis, die seien echt. Nicht echt, auch das muss Heber klären, sei das Crystal Meth, was Tommys Freund Matze sich in die Nase zieht. "Crystal kann Schlimmes anrichten, das tue ich meinen Darstellern nicht an. Wir haben lange gesucht. Mit einem Kandiszucker-Gemisch ging es dann ganz gut", erklärt Robert Heber.

Warum Tommy so genervt von seinem Vater ist, will eine Schülerin wissen. Eher sympathisch habe der gescheiterte Ingenieur, unbekannte Liedermacher und Vorleser im Pflegeheim auf sie gewirkt. Und ob es irgendwann einen zweiten Teil geben werde?

Johannes Thieme, der Kameramann, freut sich, weil die Schüler erkennen, dass jede Szene ihre eigene Farbe, ihr Licht bekommen hat. In der JVA Görlitz hat Heber erfahren, dass im Besucherraum öfter eine Liebe endet. Aber das Ende des Films finde er gar nicht so traurig. Tommy ziehe doch mutig los. Außerdem scheint ja die Sonne.

Zum Thema:
Die Lausitziale-Tour 2016 der Spremberger Heimatfilmfestival-Gruppe um Holger Fahrland geht am 27. April um 19 Uhr im Welzower Besucherzentrum excursio weiter. Unter dem Motto "Willkommen und Abschied" werden viele Welzower Filmdokumente gezeigt. Kleine individuelle Geschichten, die sich zu einer gemeinsamen Erlebniswelt verbinden.