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| 08:35 Uhr

Sinnkrise erfasst die Perle der Lausitz

Petra Wengel betrachtet den Zustand ihrer Heimatstadt kritisch.
Petra Wengel betrachtet den Zustand ihrer Heimatstadt kritisch. FOTO: René Wappler
Spremberg. Bald will Petra Wengel als Gästeführerin in Spremberg arbeiten – doch erst mal kritisiert sie den Zustand der Stadt: Als eine "Perle der Lausitz" lasse sich ihre Heimat vor Touristen nicht mit gutem Gewissen präsentieren, sagt sie. René Wappler

Einen ersten Test als Gästeführerin hat Petra Wengel bereits bestanden: Im November begleiteten sie Touristiker der Stadt durch Spremberg. "Wir sind jetzt die Reisegruppe, Sie die Chefin", sagte Marco Wentworth von der Touristinformation. Und die Chefin führte diese Gruppe zur Kreuzkirche, zum Sonntagschen Haus, durch die schmalen Gassen des Zentrums.

Einen Test als "Perle der Lausitz" würde Spremberg jedoch vor dieser Gästeführerin nicht bestehen. Das stellt Petra Wengel klar, nachdem sie sich sogar bei den Rathaus-Mitarbeitern beschwert hat. "Außerhalb der Innenstadt gibt es viel zu wenig Papierkörbe", sagt sie. Erst neulich fiel ihr das wieder an der Karl-Marx-Straße auf. Fernab der Bushaltestellen fehle es an Mülleimern, sagt sie, und deshalb ließen die Fußgänger ihren Abfall auf den Bürgersteig fallen. Das gleiche Bild zeige sich in der Muskauer Straße.

"Das bemerke ich nicht erst, seitdem ich mich für die Aufgabe der Gästeführerin interessiere", erklärt Petra Wengel. "Ich habe ja schon immer in Spremberg gelebt, und mit der Zeit kriege ich mit, wie die Stadt sich verändert - nicht nur zum Besseren."

So reicht ihre Kritik über den Müll und den Hundekot auf Gehwegen hinaus. Beim Heimatfest seien früher noch richtig prominente Bands aufgetreten, mal C. C. Catch, dann Chris Norman oder auch Brunner & Brunner. "Selbst wenn die Musik nicht jeden Geschmack traf, waren es doch große Namen", sagt sie. "So etwas vermissen inzwischen viele Besucher des Heimatfestes." Auch die hohen Standgebühren führen nach ihren Worten dazu, dass dieses Ereignis an Zuspruch verliert: Petra Wengel will nicht abstreiten, dass die Organisation viel Mühe kostet - doch sie gewinnt den Eindruck, die Stadt lerne nichts aus früheren Fehlern. Als weiteres Beispiel nennt sie den Platz am Bullwinkel: "Informationsstände aller möglichen Organisationen versperren dort den Blick auf die schönen Geschäftsgebäude", stellt sie fest. "Wenn ich als Gästeführerin tatsächlich demnächst Touristen durch Spremberg führe, ärgert mich das erst recht."

Die Frage nach dem Sinn des offiziellen Titels "Perle der Lausitz" für die Stadt stellt sich nicht nur Petra Wengel. So befragten die Mitarbeiter des Zukunftsprojekts "Spremberg gemeinsam voran bringen" im vergangenen Jahr mehr als 280 Menschen zum Image ihrer Heimat, und sie zitierten einen Teilnehmer: "Perle der Lausitz - gut und schön. Aber was ist das? Momentan nicht mehr als eine Bezeichnung, deren Argumente man selbst einem Einheimischen schwer nahe- bringen kann." Laut der Umfrage bemängelten andere Teilnehmer "die immer gleichen Konzepte" des Heimatfestes. Für mehr Sauberkeit und Sicherheit sprachen sich knapp zehn Prozent der Befragten aus. Projektleiterin Anja Kießlich erklärt: "Seinen Ausdruck findet dies im Wunsch nach mehr Papierkörben oder mehr Polizeipräsenz." Doch auch öffentliche Toiletten, mehr Bänke und Barrierefreiheit "stehen auf der Wunschliste", wie sie berichtet.

Schon im April 2016 richtete die Fraktionschefin der Spremberger Linken, Ilona Schulz, einen Bürgerappell an die Rathausmitarbeiter weiter. Die Stadt sei "nach wie vor in der Pflicht, für eine ausreichende Anzahl von Papierkörben zu sorgen und diese auch regelmäßig zu leeren", gab Ilona Schulz zu bedenken. Allerdings erwiderte Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos): Es gebe "ausreichend Papierkörbe in Spremberg".

Petra Wengel zweifelt nach wie vor an diesem Befund. Deshalb hat sie sich an die Rathaus-Mitarbeiter gewandt, aber nach eigener Aussage bisher noch keine Antwort auf ihre Generalkritik am Zustand der "Perle der Lausitz" erhalten. "Da lasse ich nicht locker", sagt sie.

Zum Thema:
Die Arbeitsgruppe "Stadtführung" in Spremberg will eine Standard-Stadtführung entwickeln, sucht aber auch Spremberger, die diesen Standard mit Spezialwissen bereichern können. Mindestens eine Führung pro Woche gab es im vergangenen Jahr. In Forst sind im Ostdeutschen Rosengarten ein Dutzend Gästeführer im Einsatz. In Guben gibt es etwa ein halbes Dutzend Gästeführer.