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Energiewende, Atomausstieg, Atommüll
Sie wirbelt Uranstaub auf

Sybille Tetsch erzählt jungen Lesern vom gefährlichen Erbe des Atomzeitalters.
Sybille Tetsch erzählt jungen Lesern vom gefährlichen Erbe des Atomzeitalters. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Proschim. Energiewende, Atomausstieg, Atommüll: Die Proschimerin Sybille Tetsch hat über diese schwierigen Themen einen Jugendroman geschrieben. Kinder und Jugendliche müssen darüber Bescheid wissen, findet sie. Annett Igel-Allzeit

Emmy ist zwölf. Auf der Suche nach neuem Lesefutter in Vaters Bücherschrank stößt sie auf Walt Disneys "Unser Freund das Atom" von 1956. Statt Mickey Mouse findet sie darin Ideen, wie die Atomenergie nach den verheerenden Auswirkungen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki friedlich genutzt werden sollte. Emmy zweifelt. 60 Jahre nach dem Erscheinen des Buches in Amerika weiß sie von den Unfällen in den Atomkraftwerken Tschernobyl und Fukushima, von Demonstrationen gegen Atommülllager. Als ihr Kinderarzt Dr. Eisenberg ihr erklärt, warum die radioaktive Strahlung, die nicht "kratzt, beißt oder brennt", für Kinder noch gefährlicher ist als für Erwachsene, will sie mehr wissen. Plötzlich versteht sie alle Sprachen und wird so leicht, dass ein kleiner Vogel sie zu den Tuareg in Arlit in der Sahara tragen kann, zurück in die Elbmarsch zum stillgelegten Atomkraftwerk Krümmel mit ihr fliegt und Gomel in Weißrussland erreicht. Von Japan geht es in die zerstörte Stadt Basra im Südirak, durch den Sturm nach Nordengland zur Brennstäbe-Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Zuletzt trifft Emmy Ulla in der Asse in Niedersachsen. Es sind stets Kinder, Jugendliche, über die Emmy sich eine Reisestation erschließt. Einige sind krank. Mit kleinen Geschenken erfreuen sie sich. Erwachsene helfen, wenn Fragen zu schwer werden - Eltern, die Großmutter, eine Ärztin, der Umweltjournalist.

Sybille Tetsch nickt, ja, ihrem Mann, dem Umweltjournalisten Alexander Tetsch, hat sie im Buch ein kleines Denkmal gesetzt. "Er hat mit mir die meisten Schauplätze bereist." Mediziner, Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Wissenschaftler des Strahleninstituts "Belrad" in Minsk, Übersetzer, Filmemacher, Korrespondenten, die Kernphysikerin Oda Becker halfen. Drei Wochen dauerte der Druck des Buches, drei Jahre das Schreiben. "Für viel Fachwissen waren Worte zu finden, die junge Leser verstehen. Zugleich sollen sie an den traurigen Geschichten nicht zerbrechen, sondern wie Emmy losgehen, etwas ändern wollen", so die 46-jährige Autorin.

Sybille Tetsch ist in Proschim aufgewachsen. Sie liebt die Natur, lernte Forstfacharbeiterin, bevor sie Autorin wurde. Im Wendland hat sie ihren Mann kennengelernt. Vor vier Jahren kehrte sie mit ihm nach Proschim zurück. Im Sommer backt sie mit ihm im "Schmeckerlein" Flammkuchen für Gäste. In den kühlen Monaten schreibt sie. Ihr erstes Buch "Alte Geheimnisse und andere Geschichten vom Lande" schildert kleine Entdeckungen in der Natur und im Garten. Im zweiten Buch schickt sie ihre Heldin nach Afrika, Asien, durch Europa. Manches Kind, dem Emmy begegnete, lebt heute nicht mehr. Und die zwei Großmütter auf dem Bucheinband? Sie gehören zu zwölf Alten, die illegal in die Sperrzone um Tschernobyl zurückgekehrt sind, um in ihrem radioaktiv kontaminierten Dorf Batholomäewka zu wohnen. "Als mein Mann das Foto aufnahm, lebten noch sechs von ihnen", weiß Sybille Tetsch.

Ihre erste Lesung mit "Emmy und der Kern der Dinge" hat sie Ende November im Pfarrhaus Welzow. "Und Kinder aus Lüneburg, die einen Radiosender gründen, haben sich mein Buch als ihr erstes Projekt ausgesucht", so Sybille Tetsch, "ich bin gespannt, wie sie das Buch einschätzen. Bisher haben es nämlich nur Erwachsene gelesen."

Zum Thema:
"Emmy und der Kern der Dinge. Ein Lesebuch über die Geschichte der Atomenergie" erscheint im Eigenverlag "Buchrabensalat" der Autorin Sybille Tetsch. Es kostet 14,80 Euro und kann im Internet über www.buchrabensalat.de bestellt werden. Geeignet ist es für alle ab zwölf Jahre.