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Spremberg
Christina Bieder will Hut absetzen

Der Spremberger Stadtchor des Albert-Schweitzer-Familienwerkes sorgt seit Jahren für ein Programm zu der Veranstaltung „Heilig Abend nicht allein“.
Der Spremberger Stadtchor des Albert-Schweitzer-Familienwerkes sorgt seit Jahren für ein Programm zu der Veranstaltung „Heilig Abend nicht allein“. FOTO: Detlef Bogott
Spremberg. Zu „Heilig Abend nicht allein“ kommen 80 bis 100 Menschen aus Spremberg und dem Umland. Annett Igel-Allzeit

Zum 25. Mal wird die Örtliche Liga in Spremberg am 24. Dezember zur Veranstaltung „Heilig Abend nicht allein“ einladen. Eine Tradition, auf die die Stadt stolz sein kann. Doch der letzte Satz in der Ankündigung aus der Stadtverwaltung stimmt traurig: „Es wäre schön, wenn sich im nächsten Jahr ein neuer Träger für die Durchführung der Veranstaltung finden würde“, so die Gleichstellungsbeauftragte Christina Bieder.

Weil sie seit 25 Jahren den Hut auf hat in der Vorbereitung wie in der Durchführung, hat sie selbst ihre Familie am Weihnachtsabend immer erst sehr spät um sich genießen können. „Als ich mir damals den Hut aufgesetzt habe, waren meine Kinder noch im Grundschulalter. Inzwischen habe ich Enkel“, sagt die 59-Jährige und seufzt. „Ich würde diese Veranstaltung gern weiter vorbereiten, aber dass ich am Weihnachtsabend mal nicht erst nach 18 Uhr nach Hause komme, das wünschen mein Mann und ich uns so sehr.“

Das Ende dieser Tradition soll es auf keinen Fall bedeuten. Das hat Christina Bieder am Dienstag noch einmal mit der Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) besprochen. Die Örtliche Liga ist ein Netzwerk, in dem sich Verbände, Vereine und Kirchen der Stadt freiwillig zusammengeschlossen haben. Und „Heilig Abend nicht allein“ ist die wohl bekannteste Aktion des Netzwerkes.

Die Idee mitgebracht hatte einst Matthias Roick, erinnert sich Christina Bieder. Seit Jahren findet „Heilig Abend nicht allein“ im Gemeindehaus der Kreuzkirche, der einstigen Wendischen Kirche, statt. „Aber wir waren auch schon in Räumen des Abstinenzlerheims, beim BWS, beim DRK“, zählt Christina Bieder auf. 80 bis 100 Gäste kommen. „Und obwohl die Veranstaltung wirklich erst um 15 Uhr beginnt, erscheinen die ersten Besucher bereits vor 14 Uhr, um sich ihren Platz zu sichern. Das ist gar nicht schlimm, zeigt aber, wie wichtig einsamen Sprembergern dieser Termin ist“, so Christina Bieder.  Den Stollen bestellt sie vor. Die Plätzchen wurden in diesem Jahr im Bergschlösschen gebacken, und genug Kaffee für alle wird am 24. Dezember gekocht. „Helfer zu finden, ist gar nicht so schwer. Zwölf melden sich immer und teilen sich für anderthalb oder zwei Stunden in Schichten ein“, schildert Christina Bieder den Ablauf. Und Gutscheine von Essenanbietern organisiert sie in jedem Jahr, um den Gästen eine kleine Aufmerksamkeit in die Hand drücken zu können.

Der Spremberger Stadtchor des Albert-Schweitzer-Familienwerkes ist seit vielen Jahren ein zuverlässiger Partner. „Ramona Pietkiewicz gestaltet das Programm mit den Sängerinnen und Sängern so, dass unsere Besucher auch einige Lieder mitsingen können, denn das wollen sie.“

Schwer sei es über die Jahre immer wieder gewesen, die Veranstaltung wirklich nur auf einsame Menschen zu beschränken. „Eine Mutter mit ihren Kindern kann es sich doch auch zu Hause gemütlich machen, und eine Heimgruppe mit ihren Betreuern, die einige Jahre mit dem Bus anreiste, hat unsere Veranstaltung nicht nötig. Es ist wirklich für die älteren Menschen gedacht, die keine Familie mehr haben oder deren Familie weit weg ist“, sagt Christina Bieder, „gerade fragte mich wieder ein 87-jähriger Herr, der in diesem Jahr zum ersten Mal dabei sein möchte – gern, denn so ein Weihnachtsabend ganz allein kann wirklich schlimm sein.“  

Hier eine Frage, dort ein paar nette Worte – die Helfer und Christina Bieder werden am Sonntag wieder von Tisch zu Tisch flitzen und trotz Fahrstuhl die große Treppe zwischen Küche und Gemeinde­saal nehmen. „Zum Glück stellt uns die Kirchengemeinde schon die Tische auf.“ Stressig werde es nach dem Kaffeetrinken.  „Da müssen wir flink das Geschirr abwaschen, damit wir es fürs Abendessen wieder nutzen können. Die Gaststätte des SSV 1862 wird ein leckeres Abendessen liefern“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Finanziert werde die Veranstaltung durch Spenden – vor allem durch die Beteiligten am lebendigen Adventskalender in Spremberg. Dass sie am Sonntag auf die Suche nach einem neuen Träger angesprochen wird, damit rechnet Christina Bieder. „Ich will nur den Hut weiterreichen, helfen kommen ich gern mal wieder“, verspricht sie.