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Schüler holen Gedanken aus dem Feuer

Schüler des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums in Spremberg haben am Mittwoch in der Frühstückspause an die Bücherverbrennungen im Jahr 1933 erinnert.
Schüler des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums in Spremberg haben am Mittwoch in der Frühstückspause an die Bücherverbrennungen im Jahr 1933 erinnert. FOTO: Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Mit einem Lied auf den Lippen sind Spremberger Gymnasiasten gestern durchs Schulhaus spaziert: "Die Gedanken sind frei…". Sie erinnerten an die Bücherverbrennung 1933. Annett Igel-Allzeit

Es braucht nicht viel: Tapetenrollen, Farben, Pinsel, Packpapier, Klebestreifen, Ideen. Im Kurs "Darstellendes Spiel" und in der Arbeitsgemeinschaft Literatur haben sich die beiden Lehrerin Angela Forst und Stephan Klausch sowie ihre Elft- und Zehntklässler mit der Bücherverbrennung 1933 beschäftigt. Jenes Jahr war das erste Jahr, in dem die Nationalsozialisten die Macht hatten. Zwischen dem 10. Mai und dem 21. Juni hatte die Deutsche Studentenschaft in mehreren Städten öffentliche Bücherverbrennung organisiert. In Stoßtrupps sonderten die Studenten in der "Aktion wider den undeutschen Geist" die Bücher aus Unibibliotheken, Buchhandlungen und Leihbüchereien aus. Ein erstes Verzeichnis "schwarzer" Bücher hatte der Studentenschaft der Berliner Bibliothekar Wolfgang Herrmann geliefert. Und die Listen, die in Schöne Literatur, Geschichte, Kunst, Politik und Staatswissenschaften, Literaturgeschichte sowie Religion, Philosophie und Pädagogik eingeteilt waren, wuchsen.

Mit längst nicht allen Autoren können die Schüler des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums schon etwas anfangen. Aber Erich Kästner, Ernest Hemingway, Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine oder Stefan Zweig sagen ihnen etwas, weil sie in ihren Literaturbüchern und Geschichtsbüchern vorkommen. Auch mit Journalisten und Autoren verbrannter politischer und gesellschaftswissenschaftlicher Abhandlungen hatten sich einige Schüler beschäftigt. - wie Karl Kautsky oder Egon Erwin Kisch. Und während die Jugendlichen der AG Literatur Namen und "Vergehen" der Autoren auf die Tapetenrollen geschrieben und Bücher in Packpapier eingeschlagen haben, um die Titel der verbrannten Bücher auf ihnen zu notieren, übten sich die Zehnklässler um Angela Forst im Sprechen der Texte zur Bücherverbrennung und der Zitate betroffener Autoren.

Und das Lied "Die Gedanken sind frei" - ein Volkslied übrigens - sollte wirklich frei klingen. "Anfangs wollten wir es sogar ein wenig summen, aber das gibt die Akustik im Schulhaus nicht her", sagt Angela Forst. Dass das Schulhaus und besonders der Teil, der den Altbau des Gymnasiums mit dem Neubau verbindet, bestens für solche Aktionen geeignet ist, wurde am Mittwoch bewiesen. An den Treppenbrüstungen rollten die Tapeten auf, hinterm Pendel lagen die Bücher vor einem gemalten Feuer. Zur Frühstückspause müssen mehrere Klassen vom alten in den neuen Trakt und umgekehrt - da war die Chance groß, wahrgenommen zu werden.

Schulleiter Elmar Schollmeier freute sich, wie die Tapeten mit den Worten wirkten. Ingrid Michel, die neben Deutsch auch Kunst am Gymnasium unterrichtet, überlegt, wie sie sich im nächsten Jahr mit Schülern zu entarteter Kunst im Dritten Reich einbringen könnte.

Aktionen wie die Erinnerung an die Bücherverbrennungen 1933 geben Raum, mit Schülern zu diskutieren, die nationalsozialistischem Gedankengut nahestehen. Weit weg ist diese Vergangenheit nicht. Stephan Klausch: "Verstreut im Schulhaus haben wir Zettel zu Autoren und Journalisten angebracht, die heute verfolgt werden." Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie, der saudische Internet-Aktivist Raif Badawi, der italienische Schriftsteller Roberto Saviano… "Wir haben im Vorfeld überlegt, in der Lesung auch über Deniz Yücel zu sprechen", so Angela Forst. "Aber es gibt so viele verfolgte Journalisten und Autoren, von denen niemand weiß…"