| 19:32 Uhr

Schilder-Wanderung in Groß Luja

Peter und Nadine Krüger wohnen mit dem kleinen Tim an einer Tempo-70-Straße ohne Fuß- und Radweg.
Peter und Nadine Krüger wohnen mit dem kleinen Tim an einer Tempo-70-Straße ohne Fuß- und Radweg. FOTO: ani
Groß Luja. Ein Schildbürgerstreich ärgert den Ortsvorsteher in Groß Luja: Lieber verrückt der Landkreis ein Ortseingangsschild, als Tempo 70 aufzuheben. Annett Igel-Allzeit

Seit wenigen Wochen wohnen Peter und Nadine Krüger mit ihrem kleinen Tim zwischen Muckrow und Groß Luja statt am Lujaer Ortseingang. Sie mussten dafür nicht umziehen, sondern der Landkreis veranlasste eine Schilderumstellung, um auch nach der seit 2009 gültigen Verwaltungsvorschrift endlich wieder recht zu haben. Sven Ruhner, der Ortsvorsteher, bezeichnet das als Schildbürgerstreich. Die Neuerung an der K 7105 war prompt Thema der Einwohnerversammlung vor einer Woche.

Wenn man in Muckrow in Richtung des Spremberger Ortsteils Groß Luja abbiegt, zieht sich Muckrow auf der Kreisstraße noch eine Weile hin, es geht am Schloss vorbei, an Wohnhäusern, an Wald. Erst hinter dem Hof mit den Alpakas rechts kommt links das Ortsausgangsschild. Bis zur Ankündigung des Bahnübergangs darf der Autofahrer kurz Gas geben. Vor wenigen Wochen folgte gleich nach dem Bahnübergang das Ortseingangsschild und dann ein Tempo-70-Schild. Das ist jetzt anders: Bahnübergang, Tempo 70 und unmittelbar nach Tempo 50 etwa beim Auftreffen der Fahrradstraße das Ortseingangsschild. Das Sachgebiet Öffentliche Ordnung und Verkehr im Fachbereich Ordnung, Sicherheit und Verkehr beim Landkreis Spree-Neiße war es leid, die Frage nach 70 Kilometern pro Stunde in der Ortslage Groß Luja zu beantworten. Denn schon im Juni 2015 hatte Reiner Ohm, Sachbearbeiter, eine Antwort auf eine Anhörung sehr prosaisch begonnen: "Immer wieder wird mal von Anliegern die Frage gestellt, warum in Groß Luja zwischen Bahnübergang und der Fahrradstraße nach Haidemühl 70 gefahren werden darf, obwohl sich gemäß Standort der Ortstafel der Bereich innerorts befindet." Und er schrieb nicht nur ausführlich, er hatte auch umfangreich recherchiert und nachgedacht. Nach der Verwaltungsvorschrift zum Straßenverkehrszeichen 274 - für sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen - von September 2009 darf die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerorts nur noch dann auf 70 hochgesetzt werden, wenn beidseitig benutzungspflichtige Radwege vorhanden sind. Die gibt es entlang der K 7105 nicht. Doch statt das Tempo 70 Schild innerorts einfach wegzunehmen, den Bewohnern der etwas lockereren Bebauung etwas mehr Sicherheit zu gönnen, ließ der Landkreis das Ortseingangsschild um rund 1000 Meter näher an den Ortskern versetzen.

Dass das einfach so geht? Nach der Verwaltungsvorschrift sind Ortstafeln "ohne Rücksicht auf Gemeindegrenze und Straßenbaulast dort anzuordnen, wo ungeachtet einzelner unbebauter Grundstücke die geschlossene Bebauung auf einer der beiden Seiten der Straße für den ortseinwärts Fahrenden erkennbar beginnt", so Reiner Ohm. Die vorhandene Bebauung zwischen Bahnübergang und Fahrradstraße empfand Ohm schon 2015 als Splittersiedlung. Für ihn war fraglich, ob Autofahrer, die in Richtung Ortskern fahren, darin eine geschlossene Bebauung erkennen. Und nach mehr als anderthalb Jahren ist das Problem nun auch für den Landkreis geklärt - zugunsten des Straßenverkehrs, der rollen soll, zuungunsten der Familien, die an der Straße wohnen - wie Peter und Nadine Krüger. Während des ersten Jahres mit ihrem Sohn mussten sie mit dem Kinderwagen die Fahrbahn entlang, wenn sie in den Ortskern wollten - neben den Autos mit Tempo 70. "Inzwischen kann Tim zum Glück laufen, wir gehen lieber in den Wald - ins Dorf komme ich über den Waldweg aber nicht", sagt Nadine Krüger. Wie Ortsvorsteher Ruhner erklärt, sind nicht nur die Krügers seit Jahren betroffen, sondern auch andere Familien, deren Kinder allmählich zu kleinen Radfahrern heranwachsen. Er will, dass die 70 weggenommen wird, das Ortseingangsschild wieder zum Bahnübergang zurückkehrt und somit bereits an den ersten Grundstücken nur 50 Kilometer pro Stunde zugelassen sind. Der schnurgerade, asphaltierte Muckrower Weg verführe ohnehin so manchen Autofahrer, schneller zu fahren als erlaubt.