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S-Bahn-Waggon schwebt in Spremberg ein

Selbst auf den letzten Zentimetern ließen die Mitarbeiter der Fachfirmen Vorsicht walten. Der Waggon hing an zwei dicken Spezialbändern, sorgfältig befestigt, ganz im Sinne der Sicherheit.
Selbst auf den letzten Zentimetern ließen die Mitarbeiter der Fachfirmen Vorsicht walten. Der Waggon hing an zwei dicken Spezialbändern, sorgfältig befestigt, ganz im Sinne der Sicherheit. FOTO: René Wappler
Spremberg. Für den Oldtimer-Sammler Holger Schwarz aus Schwarze Pumpe hat sich am Freitagmorgen ein Traum erfüllt: Mithilfe zweier Kräne hievten Fachleute den ausgemusterten Wagen aus Berlin auf das Grundstück in der Straße des Aufbaus. René Wappler

Kurz vor 9 Uhr senkt sich der S-Bahn-Waggon auf den Boden. Über dem Dach baumeln die Haken. Vorsichtig öffnet Holger Schwarz die Schiebetür. Jetzt gehört ihm der Schatz.

Dabei sah es in der Nacht zum Freitag noch fast so aus, als könnte der Transport scheitern. Ausgerechnet am Tor zum Grundstück kam der Lastwagen nicht weiter.

Vom Adlergestell auf die A13 war das Team mit der Waggonladung gefahren, weiter über Cottbus nach Spremberg auf die Franz-Mehring-Straße, in die Straße des Aufbaus - und plötzlich blieb das Fahrzeug stecken.

Am Freitagmorgen unterhält sich der Oldtimer-Fan beim Frühstück unter freiem Himmel mit dem Kraftfahrerteam: "Es hat gegossen wie verrückt, ihr wolltet erst rückwärts rein, aber dann ging nichts mehr wegen der blöden Kante an der Einfahrt. Gekämpft wie die Löwen habt ihr beim Rangieren." Zwei Stunden brauchten sie. Vor, zurück. Vor, zurück. Bis der Lastwagen mit dem S-Bahn-Waggon endlich durchs Tor passte.

Trotz dieses Manövers zeigt sich das Transportteam am nächsten Morgen frohen Mutes. Frank Hänel sagt: "Zwar heben wir so einen Waggon nicht allzu oft, aber Tagebaugroßgeräte sind noch eine stärkere Herausforderung."

Die Fachleute befestigen Bänder an den Haken der Kräne. Langsam hieven sie den Waggon auf die Erde. Holger Schwarz schaut zu, läuft auf und ab, unterhält sich mit den Arbeitern. Er lobt den Einsatz der Firma Kunaschk aus Königswartha, ohne deren Kranfahrzeuge der S-Bahn-Waggon niemals bis nach Spremberg gekommen wäre - und er erzählt, dass der Fahrlehrer Christian Ehrlich in diesem Wagen Schulungen für Verkehrsteilnehmer anbieten will.

Beulen weisen noch auf den Unfall hin, nach dem der Waggon ausgemustert wurde. Wie der Berliner Transportkontrolleur Walied Schön berichtet, entgleiste der Wagen am 14. Juni 2008 nach einer Sonderfahrt in der Nähe des Bahnhofs an der Friedrichstraße. Daraufhin kam er in das Werk in Schöneweide, wo er bis zu dieser Woche blieb.

Dabei hat sich der Wagen, erbaut im Jahr 1929, bis heute gut erhalten, wie der neue Besitzer Holger Schwarz feststellt: Die Sitzbänke aus Holz wirken solide. An den Türen prangen Aufkleber aus längst vergangenen Tagen: "Schließ selbst die Tür, wenn's draußen kalt! Das dankt Dir jeder, jung und alt." Auf einem roten Schild prangt das Wort: "Raucher".

Nun befindet sich dank des Oldtimer-Sammlers zum ersten Mal ein S-Bahn-Waggon in Spremberg. Zugleich steht der neue Eigentümer, ohne es zu beabsichtigen, in der Tradition eines deutschen Malers: Darauf weist Jörg Sperling hin, Mitarbeiter des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst in Cottbus. So legte sich Otto Niemeyer-Holstein in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf der Insel Usedom einen ausrangierten S-Bahn-Waggon zu - den er später nicht nur als Arbeitsinspiration nutzte, sondern sogar als Wohnung.

Solche Pläne hegt Holger Schwarz nicht. Vielmehr will er den Wagen wie seine anderen Sammlerstücke, die alten Autos in der Garage, liebevoll pflegen - und gelegentlich als Treffpunkt nutzen. Zum Beispiel für die Verkehrsteilnehmerschulungen.