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Spremberg
Und alle hockten in der Küche

Eckbert Kwast mit dem Topfdeckel-Wasserkocher: Dank seiner Rillen passt dieser Deckel auf viel Töpfe.
Eckbert Kwast mit dem Topfdeckel-Wasserkocher: Dank seiner Rillen passt dieser Deckel auf viel Töpfe. FOTO: Annett Igel-Allzeit / LR
Spremberg. Das „Küchenleben“ im Niederlausitzer Heidemuseum haben bereits 800 Besucher gesehen. Von Annett Igel-Allzeit

Rund um den Küchentisch, an dem Mutter sonst nachdenklich Kartoffeln schält, drängen sich mehrere junge Paare. Sie haben etwas zu feiern, prosten dem Fotografen zu. Auf anderen Fotos werden Kinder mitten in der Küche in Wannen abgeseift. Und neben dem großen Herd steht ein kleiner Herd mit Puppengeschirr.

Nein, so lange sind diese Alltagsszenen nicht her. Genau das scheint aber das Geheimrezept der aktuellen Sonderausstellung im Niederlausitzer Heidemuseum im Kulturschloss Spree-Neiße zu sein.

Etwa 800 Besucher, so schätzt Musemsleiter Eckbert Kwast, haben sich das „Küchenleben“ seit der Vernissage am ersten Februarwochenende bereits angeschaut. Viele kommen allein, um in den Erinnerungen zu schwelgen, aber auch Großeltern mit ihren Enkeln und Grundschulkinder mit ihren Hortnerinnen schauen sie sich an. Es ist eine Ausstellung, für die die zwei Räume im Schloss kaum reichen. „Das ist nicht immer so. Haben wir Kunstwerke an den Wänden, brauchen sie Raum, um zu wirken. Und zu 500 Jahren Reformation mussten wir lange suchen, um Exponate zu finden, die die Zeit Luthers und die spannenden Dokumente illustrieren“, erklärt Kwast. Zur Zeitreise durch die Küchen hatte Eckbert Kwast mit seinem Team die Vitrinen schnell gefüllt. Die Fotografien und mehrere Aufsteller steuerte das Archiv historische Alltagsfotografie bei. Die Kulturwissenschaftlerin Susann Hellermann und der Kunsthistoriker Lothar Binger sammeln seit 30 Jahren private Fotografien und entwickeln daraus Fotoschauen, Bücher, Mitmach- und Erlebnisausstellungen.  Je nach Thema und Fundus erweitern sie die Museen regional.

Bis heute ist die Küche der Mittelpunkt vieler Wohnungen. Ausgehend von der Kochstelle im Mittelalter geht es bis zur Einbauküche. Und die Gerätschaften wandeln sich. Besorgt beobachtet Kwast den Trend, wieder Pommesmaschine und  Brotbackautomat neben Kaffeeautomat und Mixer haben zu müssen. „Da waren wir schon mal weiter“, sagt er und winkt in den zweiten Raum. Dort steht Piccolo, der Haushaltsmotor, an den diverse Küchen- und Hausgeräte angeschlossen werden konnten: der Mixer, der rotierende Bohner, ein Schleif- und Polieraufsatz, der Staubsauger, ein Spritzgerät für Wasser oder Farben. Während Piccolo die westdeutschen Hausfrauen beglückte, zog in die ostdeutschen Küchen Komet ein. Im Heidemuseum ist ein Komet K 4 zu bestaunen. Und Schnellkochtöpfe, Einweckutensilien, gehäkelte Topflappen

Vor Kindern aus Pappe laden Schemel und Stühle zum Sitzen und Lesen ein. Quer durch die Epochen von 1427 bis 2010 erzählen der Bauersjunge Johan, der Tischlersohn Karl, das Flüchtlingsmädchen Gisela, die Beamtentochter und Timo, Sohn einer Grafikerin, was sie so den Tag über essen. Johan schnappte sich morgens auf dem Weg zum Feld ein paar Blätter Sauerampfer und eine Handvoll Brombeeren, bekam mittags warmen Brei aus Hafer und Mandelmilch und abends zum Roggenbrot Waldfruchtmus, Getreidebrei und einen Becher dunkles Bier.

Der steigende Wasserverbrauch zieht sich durch die Ausstellung. „Es ist anstrengend, Wäsche auf dem Waschbrett zu schrubben Die Waschmaschine füllen wir und schalten sie ein. Aber sie braucht für ihre Waschgänge viel mehr Wasser“, erklärt Kwast.  Und mit den Herstellern der Plastikverpackungen hadert er.  Aber in der  letzten Vitrine, wo er in Sonderausstellungen stets ein Detail aufs Korn nimmt, zeigt er mit Maßband, Knäckebrot und Körperwaage den Diätwahn. Eckbert Kwast fühlt sich nämlich selbst pudelwohl in der Küche.