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| 16:47 Uhr

Vor Gericht
Gutachter schaut in kranke Seele

Spremberg/Cottbus. Psychiater äußert sich im Prozess um einen 34-jährigen Beschuldigten aus Spremberg.

In die Seele eines kranken Mannes hat ein Gutachter geblickt. Facharzt Thomas Winkler stellte seine Diagnose am Dienstag im Prozess am Cottbuser Landgericht vor. Dabei widmete er sich der Frage, ob der 34-jährige Beschuldigte aus Spremberg schuldfähig ist.  

Mit 16 Fällen befasst sich das Gericht. Viele Einwohner von Spremberg fühlen sich von dem Mann terrorisiert. Zeugen sagten aus, er habe sie beleidigt, belagert und bedroht. Bei einer Familie warf er demnach Steine und Farbeimer gegen die Tür. Der Mitarbeiterin einer Behörde goss er Wasser auf den Schreibtisch. In einer Bankfiliale erhielt er Hausverbot, nachdem er eine Angestellte bedrängt hatte.

So äußerten sich die Zeugen. Nun sprach am Dienstag der Gutachter. Psychiater Thomas Winkler hatte den Beschuldigten während des Prozesses beobachtet. Er bestätigte die Diagnose der paranoiden Schizophrenie. „Sein zentraler Wahn lautet, dass er glaubt, von einem Arzt des Spremberger Krankenhauses verfolgt zu werden.“  So fürchte der 34-Jährige, dass ihn der Mediziner unter Zwang operieren und ihm seinen freien Willen rauben wolle.

Zwar lebt dieser Arzt inzwischen nicht mehr. Doch davon lässt sich das Wahnbild des Kranken nicht beeinflussen. Darauf wies Psychiater Thomas Winkler in seinem Gutachten hin. „Der Tod des Arztes wird ihn nicht überzeugen“, sagte er. „Eher wird er denken, der Verstorbene habe sich nur versteckt.“

Der Beschuldigte wuchs in Spremberg auf. „Mit der Mutter verbindet ihn ein sehr enges Verhältnis“, erklärte der Gutachter. „Die Großeltern gelten für ihn ebenfalls als wichtige Personen.“ Als Kind habe er sich unauffällig verhalten. Ab einem Alter von 13 oder 14 Jahren konsumierte er Alkohol, Cannabis und Pilze als Rauschmittel, manchmal fast an jedem Tag. Ein erster „Knick in der Lebenslinie“, wie der Gutachter anmerkte.

Mit 17 Jahren verließ der Beschuldigte die Schule. Eine Lehre brachte er nicht zu Ende. Danach habe er „in den Tag hinein gelebt“ und Drogen genommen. In die Psychiatrie kam er zum ersten Mal mit 21 Jahren. Dort zeigte er laut Diagnose „wahnhafte körperliche Symp­tome“. Elf stationäre Aufenthalte folgten, mit Einsatz von Polizei und Notarzt verbunden.

„Bis heute zeigt er keine Einsicht in seine Krankheit“, sagte der Psychiater vor Gericht. „Vielleicht wird das auch nie passieren.“ Wichtiger sei die Einsicht, sich behandeln zu lassen. Immer wieder habe er die Medikamente abgesetzt. Stets sei er daraufhin ins Krankenhaus gekommen. „Wenn er sie regelmäßig einnimmt, ist er freundlich und aufmerksam“, erklärte der Gutachter. Zwar seien Arzneimittel gegen Schizophrenie noch nicht „das Gelbe vom Ei“. Viele Patienten berichteten von heftigen Nebenwirkungen. Doch der Gutachter gab zu bedenken, dass Gehirnchirurgen noch vor 60 Jahren die Nervenbahnen bei Patienten durchtrennt hatten.  

Ruhig hörte der Beschuldigte im Gerichtssaal dem Gutachter zu. So erfuhr er, dass nach dessen Ansicht Paragraf 21 des Strafgesetzbuches in Frage kommt. Demnach kann die Strafe gemildert werden, wenn ein Täter eine verminderte Fähigkeit zeigt, das Unrecht seiner Delikte einzusehen. Ein Urteil im Prozess ist in den nächsten Tagen noch nicht zu erwarten.

In der ersten Februarwoche hatte sich der Beschuldigte an den Richter gewandt. „Ich würde gern nach Spremberg zurückkehren“, sagte er. „Dafür würde ich auch Sozialstunden machen und den Auflagen für die Medikamente folgen.“

Korrektur: In bisherigen Beiträgen zu dieser Verhandlung hieß es, der Beschuldigte sei 33 Jahre alt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.