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| 02:54 Uhr

Proschimer setzen auf gewaltfreien Widerstand

Während der Diskussionsrunde im Proschimer Kulturhaus.
Während der Diskussionsrunde im Proschimer Kulturhaus. FOTO: T. Richter/trt1
Proschim. Ein Teil der Proschimer will auch zukünftig gegen die geplante Abbaggerung ihres Dorfes protestieren. Der Widerstand soll durchweg friedlich sein. Dass sich mit dieser Strategie mehr erreichen lässt, erfuhren die Einwohner während einer Diskussion. Torsten Richter / trt1

Normalerweise bringt den Essener Wissenschaftler Dr. Martin Arnold nicht so leicht etwas aus der Ruhe. Doch in Proschim ist es schließlich soweit. Als der renommierte Friedensforscher erfährt, dass sich das Dorf, dessen Einwohner ihre Energie zu einem sehr hohen Anteil aus erneuerbaren Energien beziehen, abgebaggert werden soll, kann er seinen Zorn nicht zurückhalten: "Es ist doch kein Wunder, dass die Leute die blanke Wut packt. Denn das Kohlekonzept in Brandenburg scheint offensichtlich auf die Ewigkeit ausgerichtet zu sein."

Und der 68-Jährige ermuntert die Proschimer, gegen diese Pläne weiterhin aktiven Widerstand zu leisten. Das erklärt Arnold während einer Diskussionsrunde zur Energiewende im örtlichen Kulturhaus. Der Widerstand solle allerdings ausschließlich gewaltfrei erfolgen, mahnt er. Forschungen hätten ergeben, dass in den Jahren von 1900 bis 2006 mehr als die Hälfte aller weltweiten Konflikte gewaltfrei gelöst worden sei. Wo Waffen im Einsatz waren, sei lediglich ein Viertel der Auseinandersetzungen erfolgreich zu Ende geführt worden. Grundprinzip seines Gütekraft-Konzeptes sei, dass der Gegner eher mit dem Bruch seines Willens als mit Waffen geschlagen werden könne. Den Proschimern empfiehlt Martin Arnold möglichst viele originelle Ideen, ihren Widerstand gegen den drohenden Tagebau kundzutun. Dabei sind seiner Ansicht nach selbst gewisse Gesetzesverstöße tolerierbar, quasi nach dem Prinzip "Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht". Arnold musste im Jahr 1995 ein Bußgeld über 1000Mark zahlen, da er im Rahmen des "zivilen Ungehorsams gegen Atomwaffen" den Zaun des US-Hauptquartiers in Deutschland aufgeschnitten hatte.

Die These, dass die Energiewende in den Köpfen vieler Brandenburger Politiker ohnehin noch längst nicht angekommen sei, vertritt Landtagsmitglied Gerd-Rüdiger Hoffmann (fraktionslos). Während der Proschimer Diskussion plädiert er, die Energiewende vorrangig als gesellschaftliche und nicht nur als wirtschaftliche Herausforderung anzusehen. "Das Gerede von der Brückentechnologie der Braunkohle ist eigentlich Unsinn", argumentiert Hoffmann. "Denn auf der einen Seite liegt ja die Kohle. Demzufolge muss auf der gegenüberliegenden Seite etwas anderes zu finden sein. Schon deshalb bildet die Kohle keine Brücke." In Brandenburg seien die bisherigen Erkenntnisse zur Energiewende ohnehin widersprüchlich. So könnten mit den Aufschlüssen der geplanten Tagebaue Welzow-Süd II und Jänschwalde-Nord die gesetzten Klimaziele nicht erreicht werden. Und obwohl das Land für eine mittelfristige Abkehr von der Braunkohle plädiere, seien die Rahmenbedingungen durchweg kohlefreundlich. Dann gebe es diese "Ungeheuerlichkeit", so der Politiker, dass mit Proschim ein Dorf wegkommen soll, das voll auf alternative Energien setze.

In Welzow sei es sowieso sehr schwer, erneuerbare Energien zu etablieren, weiß der frühere Stadtverordnete Willi-Günter Seifert. Der Vorschlag des Proschimers Johannes Kapelle, die Dächer der öffentlichen Gebäude mit Solaranlagen auszustatten, habe keine Zustimmung erfahren. Und auch den Widerstand gegen die Abbaggerung spricht Seifert an. "Es ist unmöglich, alle Betroffenen deswegen vom Sofa zu holen. Viele wollen weg, nicht selten zu ihren Kindern in den Westen. Und Menschen, die sich wirklich für ihre Heimat einsetzen, werden schikaniert." Seifert berichtet von einem Bekannten in Schleife, der wegen seines Engagements für die eigene Scholle mittlerweile von den Nachbarn angespuckt werde. Wenn so etwas geschieht, sei auf jeden Fall eine Grenze überschritten.