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Proschim rätselt um totes Unfall-Tier

Die B 156 zwischen Weißwasser und Boxberg gehört zu den Strecken mit erhöhter Wildunfallgefahr.
Die B 156 zwischen Weißwasser und Boxberg gehört zu den Strecken mit erhöhter Wildunfallgefahr. FOTO: Preikschat
Proschim/Spremberg. Rätselraten in Proschim. Ein totes Tier liegt auf der Straße. Erst handelt es sich um einen Hund. Dann sogar um einen Wolf. Und letztlich vielleicht um ein ganz anderes Tier. René Wappler

Gemeinsam mit seiner Frau saß Eberhard Sturm beim Abendessen, zwei Tage vor dem Heiligabend, als er im Radio die Meldung hörte. Ein überfahrenes Tier liege auf der Straße zwischen Proschim und Welzow, womöglich ein Hund, und die Autofahrer sollten Vorsicht walten lassen.

Als Mitglied im Vorstand der Jagdgenossenschaft hatte Eberhard Sturm schon von Wölfen gehört, die diese Straße überqueren. Ihn interessierte der Fall. Also setzte er sich ins Auto, fuhr hinaus und entdeckte einen Blutfleck auf der Straße, daneben graues dunkles Fell.

Daran erinnert er sich genau, auch jetzt noch, fast drei Wochen später. "Das Fell könnte von einem Schäferhund stammen", sagt er. "Aber da begebe ich mich aufs Feld der Spekulation."

Seit jenem Abend reichen die Spekulationen jedoch weiter. Manche Leute vermuten, in Wahrheit habe ein Auto einen Wolf überfahren - und sie wundern sich darüber, dass der Fall nicht an die Öffentlichkeit kam. So sagt Marianne Kapelle, die ebenfalls in Proschim lebt: "Wundern würde es uns nicht, weil hier auch schon Rehe von Wölfen gerissen wurden."

In den Akten der Cottbuser Polizei-Pressestelle steht jedoch nichts von einem Wolf - und auch nicht von einem Hund, wie es das Radio zunächst gemeldet hatte. Stattdessen heißt es sinngemäß im Protokoll jenes Abends: 22. Dezember 2016, 17.45 Uhr, Wildunfall. Das tote Tier: ein Reh.

Es kommt gar nicht so selten vor, dass Rehe für andere Tiere gehalten werden, vor allem, wenn es um Verkehrsunfälle geht: Dies berichtet Markus Bathen vom Wolfsbüro in Spremberg. "Ich bin mal rausgestürmt nach Bad Muskau, weil es zunächst hieß, da sei ein Wolf verunglückt", sagt er. "Doch dann lag dort ein Reh im Straßengraben." An einem anderen Tag erfuhr er aus der Nähe von Boxberg, ein Lastwagen sei in ein ganzes Wolfsrudel gebrettert. An der Unfallstelle lagen allerdings zwei tote Wildschweine. "Mitunter interpretieren Menschen solche Ereignisse falsch", erläutert Markus Bathen. Dieses Phänomen sei auch den Mitarbeitern des Lupus-Instituts für Wolfsforschung schon begegnet.

Trotzdem häufen sich in jüngster Zeit die Meldungen über Wölfe, die nach Verkehrsunfällen starben - oder daraufhin verschwunden sein sollen. Ein männliches Tier, nicht mal ein Jahr alt, verendete am 28. November bei Babben im Elbe-Elster-Kreis. Ein weiterer Wolf erlag im Dezember auf der Bundesstraße 112 zwischen Forst und Guben seinen Verletzungen. Bei Großkoschen soll bereits im Oktober ein Wolf einem Unfall erlegen sein. Doch als einziges Indiz dafür dient eine blutige Schleifspur auf der Straße.

Für die Einwohner von Proschim bleiben nach der Meldung der Polizei vom toten Reh noch Fragen offen. So sagt Eberhard Sturm vom Vorstand der Jagdgenossenschaft: "Das erklärt ja nicht, warum an jenem Abend im Dezember Fell auf der Straße lag, das sich definitiv keinem Reh zuzuordnen lässt." Auch einen Hund habe nach seiner Kenntnis niemand im Ort als vermisst gemeldet. "Ich will gar nicht weiter mutmaßen, aber alle Antworten scheinen in diesem Fall noch nicht gefunden zu sein."

Zum Thema:
In einer Anfrage an die Brandenburgische Landesregierung erwähnt die Abgeordnete Iris Schülzke (BVB/Freie Wähler) "die Behauptung aus der Landbevölkerung, dass erheblich mehr Wölfe in Brandenburg leben, als offiziell angegeben werden". Die Landesregierung erwidert: Die vom Land erhobenen Bestandszahlen "basieren auf einer deutschland- und europaweit einheitlich angewandten wissenschaftlichen Methode".