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Urteil zu Psychiatrie-Angriff in dieser Woche erwartet
„Hatte nicht vor, ihm Böses zu tun“

Spremberg . Landgericht behandelt Plädoyers zur Attacke im Spremberger Krankenhaus. Von René Wappler

Das Urteil im Prozess um eine Attacke im Spremberger Krankenhaus soll noch in dieser Woche verkündet werden. Am Mittwoch haben der Staatsanwalt und die Rechtsanwältin des Angeklagten ihre Plädoyers gehalten. Zwar zeigen sie sich einig darin, dass der Beschuldigte nicht schuldfähig ist, weil er an paranoider Schizophrenie leidet. Doch in den Details weichen ihre Begründungen voneinander ab.

Das letzte Wort vor dem Richter blieb dem Angeklagten. Kurz sprach er über den Angriff auf einen anderen Patienten der Spremberger Psychiatrie. „Ich hatte nicht vor, ihm Böses zu tun“, sagte er.

Er bezog sich auf den Neujahrsmorgen des Jahres 2017. Nach Aussagen der Zeugen hatte die Tat mit einer Lappalie begonnen: Der andere Patient habe ihn darauf hingewiesen, dass er sich nicht so viel Kaffee eingießen solle, damit noch etwas übrig bleibe. Diese Worte reichten, um den Angeklagten aufzubringen: Er beschimpfte den Patienten und versuchte, ihn zu erwürgen. Das konnten nur zwei Mitarbeiterinnen verhindern, die beherzt eingriffen.

Ein Deeskalations-Trainer schult die Fachkräfte des Spremberger Krankenhauses regelmäßig: Das berichtet Geschäftsführerin Kathrin Möbius. „Er bereitet sie auf den Umgang mit aggressiven Patienten vor, darauf, besonnen und überlegt zu handeln.“ Der Alltag in einem Krankenhaus bilde stets den Durchschnitt der Gesellschaft ab. Dabei ereigneten sich Fälle wie die Attacke vom Neujahrstag jedoch selten. Die Krankenhaus-Mitarbeiter behandeln im Jahr ungefähr 5600 stationäre und 11 000 ambulante Patienten.

Auch Chefärztin Dr. Cordula Sikorski vom Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum stellt fest: „Eine gewaltfreie Psychiatrie wird es nicht geben.“ Eine Statistik der Cottbuser Psychiatrie für Januar bis Juni 2017 besagt: Besonders aggressiv zeigten sich Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, gefolgt von Menschen mit Psychosen und gerontopsychiatrischen Erkrankungen wie Demenz. Meistens sei der Auslöser unklar. Doch Bedürfnisverweigerungen führten oft zu Aggressionen. So nennt die Statistik aus Cottbus ein Beispiel, das an den Fall aus Spremberg erinnert: Der Patient wünscht sich in diesem Moment eine Tasse Kaffee, während die Schwester sage, sie müsse ihn erst noch kochen. Aggressionen der Patienten richten sich vor allem gegen das Pflegepersonal und gegen Ärzte und Psychologen, mitunter jedoch auch gegen andere Patienten. Dr. Cordula Sikorski erläutert: „Unser Personal in der Psychiatrie wird für den Umgang mit Patienten regelmäßig geschult.“ Ein Pfleger befinde sich gerade in der Ausbildung zum Deeskalationstrainer.

Der Angeklagte aus der Spremberger Region steht nun wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung vor Gericht. Wie der Staatsanwalt am Mittwoch in seinem Plädoyer ausführte, habe der Beschuldigte „in Kauf genommen, dass der Geschädigte zu Tode kommt“. Da er jedoch seit mehr als zehn Jahren unter paranoider Schizophrenie leide, sei er nicht schuldfähig. Nach Angaben des Gutachters glaubt der Mann, jemand habe ihm einen Chip in den Kopf gepflanzt, weshalb andere Menschen seine Gedanken lesen könnten. Diese Wahnvorstellung erkläre auch seine Aggressionen gegenüber Familienangehörigen, Behördenmitarbeitern und weiteren Personen. Nun lautet die entscheidende Frage für den Staatsanwalt, ob der Angeklagte im betreuten Wohnen oder doch besser auf Dauer in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden soll.

Für die permanente Überwachung in einem Krankenhaus spricht nach den Worten des Staatsanwaltes, dass der Angeklagte seine Medikamente nicht regelmäßig einnimmt. Die Variante des betreuten Wohnens berge hingegen aufgrund des großen Freiraums „große Risiken“.

Der Angeklagte sagt: „Ich hatte Nebenwirkungen, die nicht ganz ohne waren.“ Deshalb habe er versucht, ohne Medikamente auszukommen. Er beteuert: „Ich hatte nicht vor, den Patienten umzubringen.“

Ähnlich äußert sich seine Rechtsanwältin: Der Angeklagte wollte dem anderen Patienten des Krankenhauses „nur einen Denkzettel dafür geben, dass dieser ihn verbal angegriffen hat“, sagt sie. Gegen den Vorwurf des versuchten Totschlags spreche, dass er nicht mit Vorsatz gehandelt habe. Auch eine gefährliche Körperverletzung komme nicht infrage: So habe der Geschädigte keine Verletzungen davongetragen. Die Rechtsanwältin glaubt, anders als der Staatsanwalt, dass die Variante des betreuten Wohnens am besten für den Angeklagten wäre: „Er ist kooperativ geworden und zeigt Einsicht in seine Krankheit.“