Das Ergebnis der Bildungsausschuss-Tagung vom vergangenen Mittwoch will Benny Blatz nicht einfach so hinnehmen. Eine Mehrheit der Mitglieder spricht sich dafür aus, dass die Stadt gemeinsam mit dem Strittmatter-Verein eine Festveranstaltung zum 100. Geburtstag ausrichtet? Anlass genug für den Spremberger Sozialpädagogen, einen offenen Brief zu verfassen, in dem er seinem Ärger Luft macht.

An die Adresse der Politikerin Birgit Wöllert gerichtet, schreibt er: "Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass die Vorsitzende zwar jede Menge Strittmatterfürsprecher an den großen Beratungstisch geladen hatte, aber offensichtlich versäumte, auch die andere Seite der Diskussion zu würdigen und einen der Kritiker oder Historiker einzuladen." Im Ergebnis laute nun die öffentliche Darstellung: "Rolle rückwärts - die Stadt macht doch mit!"

Drei rhetorische Fragen

Gleich drei rhetorische Fragen schickt Benny Blatz hinterher: "Aber wird sie das am Ende wirklich tun oder geht das Hickhack nur in die nächste Runde? Strittmatter ehren, der es versäumt hat, in den Jahren nach der Wende reinen Tisch zu machen? Der auch in keinem seiner Werke oder Schriftstücke diese Lücken seiner Biografie wirklich nachvollziehbar schließen wollte?"

Tatsächlich spitzt sich der Streit um Erwin Strittmatter seit dem Bildungsausschuss vom vergangenen Mittwoch zu. So wendet sich der Berliner Literaturwissenschaftler Werner Liersch in einem Brief an Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU): " Im Jahr 2010 hatte Renate Brucke von der Strittmatter-Gesellschaft beispielsweise den Zeitpunkt gekommen gesehen, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Autors per Beschluss kurzerhand beenden zu wollen." Werner Liersch, der im Jahr 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Strittmatters Dienstzeit bei der Ordnungspolizei des Nazi-Regimes beleuchtet hatte, kritisiert die Haltung von Renate Brucke: "Das steht zwar für ihre Interessenlage, nicht aber für die der Gesellschaft."

Unterdessen erhebt der SPD-Stadtverordnete Benny Blatz weitere Vorwürfe gegen den früheren CDU-Bürgermeister Egon Wochatz, der sich für eine öffentliche Ehrung des Schriftstellers Erwin Strittmatter ausspricht: Statt sich in seiner CDU-Fraktion und mit dem Bürgermeister abzustimmen, sei Egon Wochatz blind nach vorn geprescht - und habe somit als erstes dem CDU-Bürgermeister ein Nein zur Strittmatter-Ehrung entlockt. Nach Ansicht von Benny Blatz sollen in der Konsequenz alle Fraktionen zur aktiven Mitarbeit an einer großen Ehrung gezwungen werden - und der Verein spreche auf einmal in der Sache sogar stellvertretend für die Stadt Spremberg.

Ehre nur als Schriftsteller

Seinen offenen Brief beendet der Sozialpädagoge mit einer Charakterisierung Strittmatters: "Als Schriftsteller gebührt ihm vermutlich Ehre - als Mensch und Person des öffentlichen Lebens hat er sie nicht verdient, auch nicht von seiner Geburtsstadt Spremberg."

Ob Benny Blatz mit dieser Position den nötigen Rückhalt bekommt, wird sich voraussichtlich in der kommenden Woche zeigen. Denn am Montag beraten die Mitglieder des Spremberger Hauptausschusses über den städtischen Umgang mit dem 100. Geburtstag des streitbaren Schriftstellers.

Zum Thema:
Nach den Worten des Leiters des Spremberger Erwin-Strittmatter-Gymnasiums, Elmar Schollmeier, steht die Schule, die seit 1996 den Namen des Lausitzer Dichters trägt, derzeit ebenfalls "ziemlich im Feuer". Im Bildungsausschuss erklärte Elmar Schollmeier: Die Schulkonferenz habe sich trotzdem darauf geeinigt, das literarische Werk ihres Namensgebers mit einem Rezitatorenwettbewerb, mit Aufführungen und bildkünstlerischen Arbeiten zu würdigen.