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| 15:45 Uhr

Erwin-Strittmatter-Verein
Ob sie Strittmatters Bücher lesen?

 Platz für 15 Kaltnadelradierungen will Renate Brucke bis zum Frühling auf dem Gelände des Strittmatter-Ladens finden. Ihre Motive hatten die Schüler des Spremberger Erwin-Strittmatter-Gymnasiums mit Kunstlehrerin Ingrid Michel im Vorjahr auf dem Hof und im Laden gefunden.
Platz für 15 Kaltnadelradierungen will Renate Brucke bis zum Frühling auf dem Gelände des Strittmatter-Ladens finden. Ihre Motive hatten die Schüler des Spremberger Erwin-Strittmatter-Gymnasiums mit Kunstlehrerin Ingrid Michel im Vorjahr auf dem Hof und im Laden gefunden. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Heute vor 25 Jahren starb Erwin Strittmatter. Seit 20 Jahren ist der Laden in Bohsdorf Museum. Besucher kommen, aber es sind weniger. Von Annett Igel-Allzeit

Im Hof des Strittmatter-Ladens in Bohsdorf blüht der Winterjasmin. Heute vor 25 Jahren ist Erwin Strittmatter (1912 - 1994) gestorben. Ein Rest Schnee schmilzt auf dem Taubenhausdach. Renate Brucke, Vorsitzende des Erwin-Strittmatter-Vereins, blinzelt gegen die Wintersonne in die Krone der Linde. „Heinjak, Erwins Bruder, soll die Linde auf den Hof gepflanzt haben – an die Stelle des alten Taubenhauses. Die Linde ist inzwischen hoch gewachsen. Um die Sicherheit für unsere Besucher zu gewährleisten, müssen wir regelmäßig Äste verschneiden und Totholz aus der Krone holen.“ Regelmäßig schaut Renate Brucke in der Winterpause am Laden vorbei. Von November bis Mitte März hat das Museum nicht geöffnet. Trotzdem melden sich Besuchergruppen an. „Sie sind dankbar. Ich kann mich gut auf sie vorbereiten. Und die Heizung drehen wir vorher auf.“

Erwin Strittmatter starb, ohne alles gesagt zu haben. Renate Brucke liest viel in seinen Tagebüchern. „Noch nie habe ich mit solcher Muße geschrieben wie gegenwärtig“, schrieb er im Februar 1992. Renate Brucke: „Er will das Manuskript zum Laden III fertigstellen, fühlt, er muss sich beeilen, die Kräfte lassen immer mehr nach. Er erlebt in seinen letzten Lebensjahren noch so viel Zuspruch und Anerkennung. Er ist verwirrt von den vielfältigen Eindrücken, aber zufrieden.“

Ach, wenn er doch mal zum Kaffee in Bohsdorf vorbeikäme. „Ob er zufrieden wäre mit unserem Verein? Manchmal denke ich, ein kluger Rat wäre hilfreich.“ 2016 hatte der Verein sein 20-jähriges Bestehen gefeiert. Am 30. Januar 1999 konnte der Laden in der Bohsdorfer Dorfstraße 35 als museale  Gedenkstätte eröffnet werden. „Einen Tag vor Erwin Strittmatters fünftem Todestag“, erinnert sich Renate Brucke,  „das war damals ein Sonnabend.“ Der richtige Wochentag für großen Bahnhof. Noch immer kommen viele Besucher, sagt sie, „aber es werden weniger. Schulklassen interessieren sich für den Laden. Aber ob sie seine Bücher lesen?“ Einige seiner Werke würden schon nicht mehr aufgelegt. „Der Ochsenkutscher“ zum Beispiel. „Wir müssen sie im Internet im Antiquariat suchen, wenn Besucher danach fragen.“

  Jedes Jahr wird das Museum erweitert. Das Großelternzimmer in der ersten Etage ist nun möbliert. Die alte Tür zur Kammer, die zwischendurch als Brennholz gebraucht wurde, hat der Verein neu tischlern lassen. Damit die synthetischen Gardinen ersetzt werden können, häkelt Renate Brucke. In der Stube lebte der Großvater Matthäus Kulka mit der Anderthalbmeter-Großmutter. Sie hatten ihren Kolonialwarenladen An der Mühlen Numero 1 in Spremberg aufgegeben, um die Familie ihrer Tochter Lenchen bei der Kinderbetreuung, in der Backstube, in der Landwirtschaft und im Haushalt zu unterstützen. Beide haben ihre Gräber noch immer auf dem Bohsdorfer Friedhof. Dagegen liegen die geretteten Grabsteine von Strittmatters Schwester Marga Hoffmann und Bohsdorfern, die als „Pferdehändler Bleschko“, „Hermann Wittling“ oder „Alfredko Sastupeit“ in Strittmatters Werken leben, auf dem Laden-Hof.

Renate Brucke hofft auf den Literaturwettbewerb „Alltag im Wort“, zu dem fast 400 Autoren aus 14 Ländern Gedichte und Geschichten eingereicht haben. „Vielen von ihnen wird der Name Erwin Strittmatter bis zu unserem Wettbewerb nichts gesagt haben. Nun hoffe ich, dass sie sich erkundigen, ausleihen, lesen und feststellen, was für eine wunderbare, sprachlich meisterhafte und einzigartige Literatur er uns hinterlassen hat. Zeitlos und nicht unbedingt an einen Ort gebunden, wie es der Regisseur Jo Baier bei seinen Recherchen für die Fernsehtrilogie ,Der Laden’ bemerkt hatte.“