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Neuer Polizeichef mag Überraschungen

Jörg Kraus sagt: "Als Dietmar Kuschereitz in Pension ging, dachte ich: Die Stadt ist mir nicht unbekannt, die Leute auch nicht – also stelle ich mich der Herausforderung."
Jörg Kraus sagt: "Als Dietmar Kuschereitz in Pension ging, dachte ich: Die Stadt ist mir nicht unbekannt, die Leute auch nicht – also stelle ich mich der Herausforderung." FOTO: René Wappler
Spremberg. Zwar sinkt die Zahl der Verkehrsunfälle in der Region, doch mit Betrügern und Dieben werden die Polizeibeamten auch künftig viel Arbeit haben: Das vermutet der neue Chef des Spremberger Reviers, Jörg Kraus. René Wappler

Den ersten Todesfall seines Berufslebens wird Jörg Kraus nicht vergessen. In Forst hatte sich ein junger Motorradfahrer an einem Bahnübergang "nicht richtig umgeschaut", wie der neue Polizeichef erzählt. "Er wurde vom Zug erfasst, und wir mussten dorthin." Fahrzeugteile lagen herum, verteilt auf einer Strecke von 100 Metern. Naja, sagt Jörg Kraus, er wolle lieber darüber schweigen, wie der Motorradfahrer aussah. "Das Bild verfolgt mich bis heute."

Trotzdem könnte er sich nach eigenem Bekunden keinen besseren Beruf als den des Polizeibeamten vorstellen. Die Vielfalt fasziniert ihn, die Tatsache, dass jeder Tag neue Überraschungen bietet. Dafür nahm er auch Opfer in Kauf. Als er in Beeskow als Wachdienstführer arbeitete, fuhr er am Tag 200 Kilometer mit dem Auto - zum Dienst und zurück. Nicht über gut ausgebaute Autobahnen, sondern vor allem über die Landstraße. Hinzu kamen Zwölf-Stunden-Schichten am Wochenende. "Da passierte es schon mal, dass ich auf der Rückfahrt nach Hause in Peitz auf einem Parkplatz hielt und eine halbe Stunde lang die Augen zumachte."

Nun arbeitet Jörg Kraus also in Spremberg - allerdings nicht zum ersten Mal. Schon im Jahr 1996 kam er als Wachdienstführer in die Stadt. Mit einem hohen Anteil von Einbrechern und Dieben an der Kriminalitätsstatistik kämpften die Beamten bereits damals, wie er sich erinnert. "Ich kenne die Region also ein bisschen." Natürlich weiß Jörg Kraus um alle Argumente aus der Debatte zur umstrittenen Polizeireform, die mit einem massiven Stellenabbau einherging. Auch wenn er sich als Beamter mit einem eigenen Urteil zurückhält, will er eines zu bedenken geben: "Zwar sind unsere Aufgaben nicht einfacher geworden, doch früher hatten wir eine Schreibmaschine für mehrere Kollegen, und heute arbeiten wir mit moderner Technik." Diesen Umstand wisse er durchaus zu schätzen.

Wenn er aus dem Fenster seines Büros schaut, blickt er auf die Baustelle neben dem Kreisverkehr am Schloss. Als Polizeibeamter betrachtet er diesen Ort aus einer speziellen Perspektive. "Die Lösung des Kreisverkehrs fand ich schon immer gut, weil sie die Zahl von Unfällen messbar senkt und den Verkehrsfluss anders als eine Ampelanlage nicht unterbricht", sagt er. "In Ländern wie Dänemark findet man sie fast überall."

Doch gerade Verkehrsunfälle mit tragischen Folgen spielten im Alltag von Polizisten noch vor 20 Jahren eine weit größere Rolle aus heute. Die Straßen waren lange nicht so gut ausgebaut, Leitplanken und Verkehrsinseln galten eher noch als Ausnahme. Natürlich kommt es auch heute vor, dass Menschen im Straßenverkehr sterben - wie am vergangenen Donnerstag, als ein Passant nachts auf der Bundesstraße 115 bei Döbern lag und von einem Auto überrollt wurde. "Aber wenn es einen Aspekt unserer Arbeit gibt, der sich über die Jahrzehnte deutlich verbessert hat, dann ist es die Zahl der Unfälle", erklärt Jörg Kraus. "Phänomene wie der Enkeltrick tauchen hingegen in Wellen immer wieder auf, und das wird wohl auch künftig so bleiben." Das Feld der Computerkriminalität beschäftige die Polizeibeamten unterdessen weit stärker, als es noch in den Neunzigern der Fall gewesen sei. "Da müssen wir uns richtig hineinknien, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben", sagt der Spremberger Polizeichef.

Gern spricht er über die Zeit, als er einen Lehrgang für Diensthundeführer belegte. Auf seinen Schäferhund Berry konnte er sich stets verlassen: Das Tier lief ihm immer einen halben Meter voraus, was durchaus nützlich sein konnte, wenn es darum ging, ein neues Gelände zu sondieren. "Ein ganz schön giftiger Kerl, aber wir kamen prima miteinander aus."

Zum Thema:
Der 50-jährige Kriminalhauptkommissar Jörg Kraus ist verheiratet, er hat eine Tochter und einen Sohn, und zu seinen beruflichen Stationen zählten die Städte Forst, Beeskow und Spremberg. Er übernimmt das Amt des Spremberger Revierleiters von Dietmar Kuschereitz, der sich im Januar mit 60 Jahren in den Ruhestand verabschiedete. Der Revierchef ist mit seinen Beamten für Spremberg, Welzow und Drebkau zuständig.