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| 05:14 Uhr

Europäischer Katastrophenschutz
Die hochfliegenden Visionen in Welzow

 Auch im Norden Europas werden verheerende Waldbrände zu einer immer größeren Gefahr für Mensch und Natur. Bisher stehen in dieser Region nur Hubschrauber für den Einsatz aus der Luft bereit. Vom Sedlitzer See bis in die Lieberoser Heide braucht ein Löschflugzeug gerade mal zehn Minuten.
Auch im Norden Europas werden verheerende Waldbrände zu einer immer größeren Gefahr für Mensch und Natur. Bisher stehen in dieser Region nur Hubschrauber für den Einsatz aus der Luft bereit. Vom Sedlitzer See bis in die Lieberoser Heide braucht ein Löschflugzeug gerade mal zehn Minuten. FOTO: dpa / Yorgos Karahalis
Welzow. Die EU will nach den verheerenden Waldbränden der vergangenen Zeit ihr Netzwerk zum Katastrophenschutz in Richtung Norden ausweiten. Nördlich der Alpen sollen neue Zentren für den Katastrophenschutz entstehen. Im Visier hat sie das Städtchen Welzow. Brandenburg aber winkt ab. Von Jan Siegel und Torsten Richter-Zippack

Die Zeiten, in denen Aufklärungsjets und Bomber der russischen Armee vom Typ Suchoi und MiG fast jeden Tag über Welzow (Spree-Neiße) donnerten, wünscht sich in dem Lausitzstädtchen wahrlich niemand zurück. Von dem früheren russischen Militärflugplatz sind heute nur noch Rudimente übrig.

Was aber geblieben ist von der Welzower Luftfahrt-Infrastruktur, könnte durchaus zur Basis für eine spannende Zukunft werden. Nach wie vor gibt es auf dem Flugplatz eine funktionsfähige, 2500 Meter lange und 34 Meter breite Betonpiste mit einsatzbereiter Befeuerung für Starts und Landungen auch nach Sonnenuntergang. Vorhanden sind neben einem Tower zur Flugüberwachung ein inzwischen privat betriebener Hangar und eine Tankanlage für alle gängigen Flugzeugtreibstoffe. Und seitdem sich direkt neben dem Flugplatzgelände der frühere Tagebau Sedlitz in den bisher größten künstlichen See Brandenburgs mit einer Wasserfläche von mehr als 1300 Hektar verwandelt hat, gibt es in Welzow eine europäische Luftfahrt-Einmaligkeit. Auf dem Sedlitzer See, direkt an der Landesgrenze zum Freistaat Sachsen, dürfen Wasserflugzeuge auch großer Kategorie starten und landen.

Welzow im Fokus der EU-Kommission

 Die Infrastruktur ist in Europa einmalig: Der Flugplatz Welzow mit dem Sedlitzer See.
Die Infrastruktur ist in Europa einmalig: Der Flugplatz Welzow mit dem Sedlitzer See. FOTO: Flugplatz Welzow

Dieses bemerkenswerte Alleinstellungsmerkmal hat Welzow mit seinem Flugplatz und den Sedlitzer See inzwischen in den Fokus der Europäischen Kommission in Brüssel gerückt. Grund dafür ist eine EU-Initiative zur Verstärkung der technischen Kapazitäten beim Brand- und Katastrophenschutz auf dem Kontinent. Mit dem Programm „rescEU“ (rescue – engl. für Rettung) hat das EU-Parlament im Februar dieses Jahres den Weg dafür freigemacht.

Im Kern geht es dabei um die Aufstockung der Reserven für Löschflugzeuge zur Waldbrandbekämpfung, Hochleistungspumpen, Feldkrankenhäuser und Notfallteams für den Einsatz in Katastrophen aller Art. Für Anfang September hat sich der zuständige EU-Kommissar für humanitäre Hilfe und Krisenmanagement, der Zypriote Christos Stylianides, zu einer Visite in Welzow angekündigt. Das ist ein riesiger Erfolg für eine bisher vor allem lokale Initiative, die sich auf die Fahne geschrieben hat, den Flugplatz Welzow zu einem neuen Standort im Rahmen des „rescEU“-Programms zu machen.

 Standorte der EU für Löschflugzeuge sowie von Ausbildungs- und technischen Wartungskapazitäten gibt es bisher nördlich der Alpen nämlich nicht. In den zurückliegenden trockenen Sommern aber hat sich gezeigt, dass sich auch Nordeuropa immer öfter beispielsweise auf große Waldbrandlagen einstellen muss, wie es sie bisher vor allen nur im Mittelmeerraum gab.

Kaum deutsches Interesse

 Grünen-Chefin Annalena Baerbock (l.) hat sich am Dienstag von Bürgermeisterin Birgit Zuchold über die Pläne informieren lassen.
Grünen-Chefin Annalena Baerbock (l.) hat sich am Dienstag von Bürgermeisterin Birgit Zuchold über die Pläne informieren lassen. FOTO: ZB / Patrick Pleul

Das Bundesinnenministerium in Berlin erwartet, dass mit Blick auf die Waldbrandbekämpfung spätestens im ersten Quartal 2020 von der EU zusätzliche Löschhubschrauber und Löschflugzeuge im Rahmen von „rescEU“ ausgeschrieben werden, heißt es in einer Antwort des Ministeriums an die RUNDSCHAU.

 Ob sich Deutschland dabei aber bewerben wird, „hängt insbesondere auch vom Interesse und Engagement der Länder ab, die in Deutschland für den Katastrophenschutz und die Brandbekämpfung zuständig sind“. In einem ersten Schritt gehe es dabei um den Aufbau neuer Kapazitäten. Über die Schaffung von „rescEU“-Zentren oder die Festlegung konkreter Standorte werde in der EU gegenwärtig aber nicht diskutiert, teilt das Bundesinnenministerium mit.

Welzows Vorbild liegt in Südfrankreich

Doch die Initiatoren in Welzow um Bürgermeisterin Birgit Zuchold (SPD), ihren Senftenberger Amtskollegen Andreas Fredrich (SPD) und den Welzower Luftfahrtunternehmer Frank Degen wollen sich mit ihrem ganz besonderen Flugplatz schon jetzt ins Gespräch bringen, wenn es um künftige Standorte geht. „Die Kombination unseres Flugplatzes mit dem daneben liegenden Wasserlandeplatz ist weit und breit einmalig“, sagt Birgit Zuchold. Löschflugzeuge könnten von Welzow aus einen Umkreis von 400 Kilometern abdecken, also auch ohne lange Anflüge Brände in Polen, Tschechien und selbst in Dänemark löschen. Und die Bürgermeisterin verweist dabei auf eine bereits bestehende Einrichtung im südfranzösischen Nimes. Rund um die dortige Basis seien an die 600 Arbeitsplätze entstanden. Und Birgit Zucholds Amtskollege Andreas Fredrich ergänzt: „Wir haben direkt neben dem Flugplatz ein entstehendes Gewerbegebiet direkt am Sedlitzer See mit einem rechtskräftigen Bebauungsplan. Das sind also ideale Voraussetzungen für unsere große Vision von einem nationalen Brand- und Katastrophenschutzzentrum nördlich der Alpen.“

 Der Luftfahrt-Unternehmer Frank Degen ist Vizepräsident des Deutschen Wasserflieger-Verbandes und gehört in Welzow zu den Initiatoren der „rescEU“-Initiative.
Der Luftfahrt-Unternehmer Frank Degen ist Vizepräsident des Deutschen Wasserflieger-Verbandes und gehört in Welzow zu den Initiatoren der „rescEU“-Initiative. FOTO: LR / Jan Siegel

Hilfe aus Brüssel für die Lausitzer

Inzwischen haben die Lausitzer Initiatoren einflussreiche Fürsprecher auch direkt in Brüssel. Der Brandenburger Europaabgeordnete Christian Ehler (CDU) war der Strippenzieher für den anstehenden Besuch des zypriotischen EU-Kommissars. Die besonderen Bedingungen in Welzow „können die Grundlage bilden, um die von der EU im Rahmen des Programms ,rescEU‘ zur Verfügung stehenden Fördermittel zu nutzen“, sagt Ehler. Diese Chance dürfe sich die Region nicht entgehen lassen.

Tatsächlich klingen die Aussagen verlockend. Mit ihrer „rescEU“-Initiative hat die Europäische Union auch entschieden, allein die Anschaffung und den Unterhalt zusätzlicher Löschflugzeuge mit 75 Prozent der Kosten zu fördern. Die Flugzeuge aber sollen nach dem Willen der Initiatoren in Welzow aber nur ein Baustein für ein künftiges Erprobungs-, Entwicklungs- und Ausbildungszentrum nach dem Vorbild des südfranzösischen Nimes auch in der Lausitz sein.

Welzow will mehr als nur Löschflugzeuge

Bürgermeisterin Zuchold kommt ins Schwärmen, wenn sie über mögliche Perspektiven für den Standort spricht. Da fällt auch das Wort vom „Leuchtturm“ im Zusammenhang mit dem Strukturwandel in der Lausitz. Gemeinsam mit ihren Partnern in Senftenberg, die direkt am Ufer des Sedlitzer Sees schon ein Gewerbegebiet ausgewiesen haben, sollen mit den neuen Aufgaben für den Flugplatz auch Arbeitsplätze entstehen.

Unterstützung gibt es inzwischen auch von den Rettungsorganisationen. Der Präsident des Technischen Hilfswerks, Albrecht Broemme, hatte sich bereits im vergangenen Jahr angesichts der Serie von Waldbränden dafür ausgesprochen, auch in Deutschland Löschflugzeuge anzuschaffen. „Ich gehe davon aus, dass wir auch in Deutschland den Einsatz von Löschflugzeugen brauchen“, sagte Broemme damals im rbb-Inforadio. Eine komplette Staffel für Brandenburg sei wohl überflüssig – für Deutschland und für Nordeuropa sehe er aber durchaus eine Notwendigkeit.

Feuerwehrverbände hatten zunächst zurückhaltend auf die Löschflugzeugpläne in der Lausitz reagiert. Sie sahen wohl vor allem die Finanzierung der Feuerwehren gefährdet, wenn teure Löschflugzeuge bezahlt werden müssten. Inzwischen ist der Chef des Landesfeuerwehrverbandes in Brandenburg Werner-Siegwart Schippel umgeschwenkt. Gegenüber der RUNDSCHAU hält er die Überlegungen zum EU-Lösch- und Ausbildungszentrum in der Lausitz für „sehr interessant“.

Scharfer Gegenwind aus Potsdam

Scharfer Gegenwind für die Pläne aus Welzow und Senftenberg kommt bisher aber von der Landesregierung in Potsdam. Die sieht derzeit keinen Bedarf zur Beschaffung von Löschflugzeugen. Stattdessen setzt Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) bei der Brandbekämpfung aus der Luft auf die Unterstützung durch Hubschrauber von Bundeswehr und Bundespolizei. Das hatte er auch in diesem Sommer bei einem Großbrand in der Lieberoser Heide betont. Und dazu soll es auch ein ausführliches Gespräch des Ministers mit der Welzower Bürgermeisterin gegeben haben, heißt es aus dem Potsdamer Innenministerium.

 Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (r.) hält nichts von Löscgflugzeugen. Er holt sich lieber Hilfe beim Präsidenten der Bundespolizei Dieter Romann (l.)
Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (r.) hält nichts von Löscgflugzeugen. Er holt sich lieber Hilfe beim Präsidenten der Bundespolizei Dieter Romann (l.) FOTO: dpa / Bernd Settnik

Bei einer Bund-Länder-Besprechung zum Thema Waldbrandvorsorge am 16. Juli im Bundesinnenministerium habe unter den Ländern Einigkeit bestanden, dass sie keinen Bedarf für Löschflugzeuge in Deutschland sehen. Das sei auch die Auffassung Brandenburgs, betont ein Ministeriumssprecher aus Potsdam gegenüber der RUNDSCHAU. Und er hantiert außerdem mit allerlei technischen Daten zu Spannweiten und Startgewichten, die eine Nutzung des Flugplatzes in Welzow für Löschflugzeuge ausschließen.

Luftfahrt-Fachmann Frank Degen winkt ab. Technisch sei der Platz absolut geeignet. Die Fragen der Zulassungsbeschränkung gingen auf die jeweilige Höhe der Haftpflichtversicherungen zurück, die könne ohne Probleme erhöht werden.

Bürgermeisterin Birgit Zuchold und ihr Senftenberger Amtskollege Andreas Fredrich wollen sich aber trotz des scharfen Gegenwindes aus Richtung Potsdam nicht von ihrer Vision abbringen lassen. Sie soll Welzow und dem Sedlitzer See einen festen Platz im System des europäischen Katstrophenschutzes geben und damit auch ganz neue wirtschaftliche Perspektiven.

 Die Infrastruktur ist in Europa einmalig: Der Flugplatz Welzow mit dem Sedlitzer See.
Die Infrastruktur ist in Europa einmalig: Der Flugplatz Welzow mit dem Sedlitzer See. FOTO: Flugplatz Welzow