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Neue Betrugsmasche: Rentner soll 255 Euro für Telefonsex zahlen

Letzte Mahnung: Solche Schreiben hat der Rentner aus Felixsee erhalten. Im vermeintlichen Inkasssobrief stieg die Forderung dann sogar auf 255 Euro.
Letzte Mahnung: Solche Schreiben hat der Rentner aus Felixsee erhalten. Im vermeintlichen Inkasssobrief stieg die Forderung dann sogar auf 255 Euro. FOTO: Renè Wappler
Spremberg/Cottbus. 255 Euro soll ein Rentner aus Felixsee für Telefonsex bezahlen. Der Haken: Er beteuert glaubwürdig, einen solchen Dienst nie genutzt zu haben – und die Verbraucherzentrale in Cottbus kennt Tausende solcher Fälle, die sie für Betrugsversuche hält. René Wappler

Da sitzt der Rentner an seinem Wohnzimmertisch, immer noch fassungslos, und vor sich breitet er die Dokumente aus. Seinen Namen will er lieber nicht nennen, weil er keine Lust darauf hat, dass wilde Gerüchte durch die Nachbarschaft kreisen. Man weiß ja, wie das so auf dem Dorf ist, sagt er. Irgendwas bleibt immer hängen.

Ein Inkassobüro fordert 255 Euro von ihm, weil er die Rechnung für eine Telefonsex-Dienstleistung nicht zahlen will. "Dabei habe ich nie unter so einer Nummer angerufen", sagt er. Allerdings ahnt der Rentner, wie es dazu kam, dass erst Rechnungen bei ihm eintrafen, dann Mahnungen - und schließlich der Inkassobrief. "Ich bekam mal einen Anruf, am anderen Ende war jemand, der sich als Mitarbeiter der Post ausgab: Angeblich kann ein Brief nicht an mich zugestellt werden, weil die Adresse nicht zu lesen ist, und ich soll sie noch mal nennen." Das tat er. Kurz darauf kam das erste Schreiben. Als er nicht darauf reagierte, eine erste Mahnung. Eine zweite. Schließlich eine "letzte Mahnung". Nun fuhr er zur Polizei nach Spremberg und erstattete eine Anzeige.

Als der Jurist Wolfgang Baumgarten von der Cottbuser Verbraucherzentrale von diesem Fall erfährt, kommt er gleich in Fahrt. "Wenn ich solche Briefe lese, bin ich immer versucht, zurückzuschreiben: Mit Freude habe ich erfahren, dass es sich um Ihre letzte Mahnung handelt." Der Rentner aus Felixsee habe mit seiner Anzeige bei der Polizei richtig gehandelt. Denn auch der Verbraucherzentrale liegen nach den Worten von Wolfgang Baumgarten mittlerweile Tausende dieser Fälle vor, in denen die Absender mittels zwielichtiger Mahnungen Profit aus Angst schlagen wollen. Oft scheitern sie dabei, wie es in Felixsee passiert ist. Mitunter jedoch zahlen die Adressaten wirklich, aus unbegründetem Schamgefühl heraus, oder weil sie sich schlicht eingeschüchtert fühlen.

Der Verbraucherschützer berichtet: "Die Namen der Firmen im Briefkopf ändern sich am laufenden Band - so schnell kann man gar nicht gucken." Dabei sei die Masche immer ähnlich. Da es sich um eindeutigen Betrug handele, könne die Verbraucherzentrale nur dazu raten, die Polizei einzuschalten.

Dabei gibt es nur ein Problem: Ganz genau lässt sich meistens nicht ermitteln, wo die Täter wirklich sitzen. Wolfgang Baumgarten erklärt, warum es sich so verhält: Zwar deuten die Kontoverbindungen in aller Regel auf Tschechien oder die Slowakei hin, mitunter auch auf Sachsen, aber sie wechseln ständig. "Ich vermute, dass die Täter ihre Konten einfach über irgendwelche Strohmänner laufen lassen, und bis die Bank dahinterkommt, was da in Wahrheit passiert, haben die das Geld schon wieder runtergezogen", sagt der Jurist. "Das Geschäftsmodell lautet: Je mehr Angst sie verbreiten, desto eher zahlen die Leute." Daher rührt der Hinweis der Mahnbriefe und Rechnungen auf vermeintliche Sex-Dienstleistungen. Denn selbst der Rentner aus Felixsee fürchtet sich schließlich vor übler Nachrede, falls seine Identität offengelegt wird. Ein anderer älterer Herr bat die Verbraucherzentrale erst um Rat, nachdem er neun Rechnungen über je 90 Euro bezahlt hatte. In solchen Fällen besteht jedoch kaum eine Chance, das Geld jemals zurückzubekommen. Unterdessen kaufen sich die Täter vom Gewinn teure Häuser, teuren Schmuck, allen möglichen Luxus, wie der Verbraucherschützer erläutert.

Auch Torsten Wendt von der Pressestelle der Polizei in Cottbus kennt mittlerweile so viele Delikte dieser Art, dass er sagt: "Betrogen wird das ganze Jahr über, von angeblichen Superlottogewinnen, wenn man nur eine gewisse Geldsumme auf ein Konto überweist, über den altbekannten Enkeltrick bis hin zu Abmahnbriefen. Gerade auf diesem letzteren Gebiet häufen sich die Anzeigen bei uns."

Deshalb hält Torsten Wendt ebenso wie der Verbraucherschützer die Reaktion des Rentners aus Felixsee für vorbildlich: Dieser habe sich trotz der Rechnungen und Mahnungen nicht auf den faulen Handel eingelassen, sondern mit seiner Anzeige bei der Polizei ein hilfreiches Signal für andere Betroffene gesetzt.

Wie schwer der Verlust für Opfer von Betrugsfällen wiegt, zeigt auch die Statistik des Brandenburgischen Innenministeriums: Demnach entstand im Jahr 2015 durch diese Straftaten im Spremberger Polizeirevier ein Schaden von 569 376 Euro.

Mit einer anderen ganz dreisten Betrugsmasche wurde eine 93-Jährige in Cottbus um mehrere tausend Euro gebracht.